Wort zum Tage, 10.07.2019

von Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

15 Minuten

Mittwochabend, Prime-Time, 20:15 Uhr. Vor ein paar Wochen haben Joko Winterscheidt und Klass Heufer-Umlauf 15 Minuten Sendezeit im Duell gegen ihren Fernsehsender gewonnen. 15 Minuten zur freien Verfügung - live, ohne dass irgendjemand von den Verantwortlichen wusste, was die beiden damit machen. Joko und Klaas sind sonst dafür bekannt, dass sie sich gegenseitig ständig in die Pfanne hauen und ihr Genre der bitterböse Humor ist. Doch dann gehen sie selbst aus dem Bild und lassen stattdessen Menschen sprechen, die mehr zu sagen haben als sie.

Wie aus dem Nichts kommt eine junge Frau auf die Bühne, setzt sich und beginnt zu sprechen. Pia Klemp ist Kapitänin auf der Iuventa 10. Einem Schiff, dessen Besatzung sich der Seenotrettung von Flüchtenden verschrieben hat. Bei dem, was sie erzählt, läuft es mir heiß und kalt den Rücken runter. Sie beschreibt die entsetzliche Lage der Menschen, die sich nach Europa retten wollen. Beschreibt, wie traumatisierte Menschen mit ihren Toten an Bord nicht wissen, wo sie anlegen sollen, weil ihnen das in allen Häfen verwehrt wird. Prangert die Friedensnobelpreisträgerin EU an, die sich abschottet, anstatt zu helfen. Und erzählt von dem Prozess, der ihr und ihren Mitstreitenden gemacht wird, weil sie Leben retten. Pia Klemp steht auf und verlässt die Bühne.

Auf den leeren Platz setzt sich jetzt Dieter Puhl, Sozialarbeiter in Berlin. Er arbeitet rund um den Bahnhof Zoo in der Obdachlosenhilfe. Auch er erzählt von seiner Arbeit und vor allem von den Menschen, die er teilweise bis in den Tod begleitet hat. Dieter Puhl hält ein ergreifendes Plädoyer dafür, auf Menschen zuzugehen, die auf der Straße leben. Sie anzusprechen und ihnen die Hand zu reichen. Und sie zu beschützen. Dann steht auch er auf und geht.

Es kommt Birgit Lohmeyer. Sie lebt mit ihrem Mann in einem winzigen Dorf, Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. Hier sind genau elf Häuser bewohnt. Acht davon von einschlägigen Nazis mit ihren Familien. Birgit Lohmeyer wird jeden Tag unter Druck gesetzt, beschimpft, bedroht. Sogar ihre Scheune ist in Brand gesetzt worden. Eindrücklich erzählt sie davon, wie sie dem ganzen entgegentritt. Sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie organisiert Festivals und Aktionen gegen Rechtsextremismus. Sie feiert große Feste auf ihrem Hof und holt die Öffentlichkeit nach Jamel. Sie zeigt, was in diesem kleinen Ort los ist. Dabei wird sie von Musikgrößen wie Herbert Grönemeyer, den Toten Hosen oder den Ärzten unterstützt. Birgit Lohmeyer ruft zum Schluss allen Betroffenen von rechter Gewalt zu: „Lasst euch nicht einschüchtern. Es lohnt sich.“

Dann verlässt auch sie die Bühne und die Sendezeit ist vorbei.

Ich finde die Aktion klasse. Natürlich kann man Joko und Klaas Gutmenschentum vorwerfen. Sie haben das sicher nicht ohne Selbstzweck gemacht. Das ist mir aber völlig egal. Denn ich finds großartig, dass ausgerechnet diese beiden 15 Minuten live zur Verfügung gestellt haben, um Menschen sprechen zu lassen, die wissen, worum es im Leben wirklich geht.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 10.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Langenberg (Westf.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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