Morgenandacht, 06.07.2019

von Pfarrer Thomas Steiger aus Stuttgart

Erfolglosigkeit

„Erfolg ist keine Kategorie Gottes.“ Ein Zettel mit diesem Satz stand fast mein ganzes Studium über auf meinem Schreibtisch. Ein Professor hatte ihn mal gesagt. Und mir hat er gefallen und gutgetan. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass der Satz richtig ist, ja, dass er eine tiefe theologische Wahrheit enthält. „Erfolg ist keine Kategorie Gottes.“ Ich habe oft genug erlebt, wie sehr Erfolgsdruck Menschen krank macht. Ja, ich habe es am eigenen Leib erfahren, als ich unter der Last schier zusammengebrochen bin: möglichst vielen Erwartungen zu entsprechen, „everybodies darling“ sein zu wollen, nachweisen zu können, was ich alles kann und wie gut ich meine Aufgaben gemacht habe. Es ist eine Last, von der ich angenommen hatte, dass hauptsächlich andere sie mir auferlegen; aber in Wirklichkeit bin ich es oft selbst gewesen.

Der Druck, Erfolg zu haben, kommt bestimmt in vielen Berufen von außen. Wenn in noch kürzerer Zeit noch mehr erledigt werden soll, weil das die Vorgabe der Firmenleitung ist. Oder wenn die Konkurrenz unter den Mitarbeitern ständig zunimmt, was ich immer wieder von Klinikärzten höre. Bei mir sind es darüber hinaus aber auch die eigenen inneren Antreiber gewesen, die mir lange Zeit unbewusst Druck gemacht haben. Das war dann ein echter Stress. Inzwischen - auch nach leidgeprüften Zeiten - kann ich besser damit umgehen und vermeide die Fallen, die mich wieder ins alte Muster zurückkehren lassen. Ich respektiere meine Grenzen besser. Ich gönne mir tagsüber Pausen, indem ich meinen Kalender nicht mit Terminen zupflastere. Vor allem übe ich mich im richtigen Entscheiden; ich antworte nicht auf alle Anfragen sofort und mit einem „Ja“. Und: Ich bitte Gott regelmäßig darum, dass er mich spüren lässt, was er von mir erwartet - nicht andere, nicht ich selbst.

Kann sein, dass sich das etwas simpel anhört. Aber bei mir hat das im Laufe der Zeit regelrecht therapeutisch gewirkt. Zugegeben, das hat lange gedauert, Jahre. Aber es hat gewirkt. Was mit dem Glauben an Gott zu tun hat, dauert oft lange, weil es ein Weg ist, den ich mit Gott gehe. Die Wahrheit hinter den großen Verheißungen zeigt sich langsam. Wie sollte es anders sein, wenn es um Sätze geht, die wie folgt lauten:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?[1]   Oder:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich[2]. Oder:

Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, (...) Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht.[3]

Aus allen drei Aussagen der Bibel spricht eine große Ehrfurcht vor dem Menschen. Sie gilt grundsätzlich, ohne irgendwelche Vorbehalte und für jeden. So haben die Menschen zur biblischen Zeit Gott verstanden. Sie haben angenommen: Wenn es Gott gibt, wenn er es ist, der die Welt erschaffen hat, dann muss er seinen Geschöpfen in Liebe zugetan sein. Mehr noch, er muss ein Interesse daran haben, dass es ihnen gut geht, dass sie wissen: „Ich bin gut, so, wie ich bin. Ich genüge. Ich brauche nicht mehr zu scheinen, als ich bin. Um geliebt zu sein, muss ich keine Leistungen vorweisen. Es ist einfach so.“

Leider gilt, was für Gott stimmt, nicht automatisch auch unter uns Menschen. Ich sehe in der Schule, wie oft gerade junge Menschen darunter leiden, welch große Erwartungen ihre Eltern an sie haben. Ich habe auch schon erlebt, wie manche darunter zerbrochen sind, und ihr Leben aufgegeben haben. Das ist furchtbar. Umso wichtiger ist es mir, meinen Schülern immer und immer wieder zu signalisieren, dass sie zwar unterschiedlich sind, dass nicht alle gleich gute Noten schreiben, dass ich aber trotzdem versuche, sie alle mit liebenden Augen anzuschauen. Und dass ich mit ihnen übe, wie ihnen das auch gelingen kann.


[1] Psalm 8,5
[2] Genesis 1,27
[3] Jesaja 49,15

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 06.07.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Thomas Steiger

Pfarrer Thomas Steiger, geboren 1964, ist der katholische Hörfunkpfarrer beim SWR. Er studierte Theologie und Deutsche Sprache in Tübingen und Wien. Seine Priesterweihe erfolgte 1995. Nach unterschiedlichen Stationen in der Gemeindeseelsorge war er zuletzt 14 Jahre Pfarrer und Dekan in Tübingen. Seit 2013 ist er als Beauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Rundfunkarbeit am SWR tätig. Kontakt
thomas.steiger@kirche-im-swr.de

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