Morgenandacht, 22.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Johannas Freiheit

Freiheits-Gas will die amerikanische Regierung nun verkaufen. Auch Freiheits-Fritten gab es schon und Freiheits-Burger. Und den Geschmack von Freiheit und Abenteuer konnten wir in vergangenen Zeiten sogar mal rauchen. Das ist zwar alles völliger Nonsens, aber garniert mit dem Wörtchen Freiheit klingt es irgendwie besonders. Wahrscheinlich, weil die meisten dabei sofort an Grenzenlosigkeit denken. An das erhebende Gefühl, ungebunden zu sein, tun und lassen zu können, was man will. Grenzenlos frei eben.

Allerdings: Diese grenzenlose Freiheit ist immer eine Illusion gewesen. Denn wenn ich ehrlich bin lebe ich doch ständig mit Begrenzungen. Unsere Verfassung und die Gesetze schränken die grenzenlose Freiheit schon mal deutlich ein. Meine familiären und beruflichen Verpflichtungen kommen hinzu und natürlich mein eindeutig begrenzter Geldbeutel. Auch da, am schnöden Mammon, endet ja so mancher Traum von scheinbar grenzenloser Freiheit. Mehr noch: Jeder Mensch hat verborgene Ängste, auch jene, die das ganz weit von sich weisen. Angst aber fesselt mich immer, schränkt mich ein, begrenzt meine Freiheit. Und wer kennt nicht gelegentliche Selbstzweifel, die einem die gefühlte Freiheit vermiesen. Bin ich eigentlich gut genug? Wird man mich irgendwann nicht doch noch als Blender entlarven? Als einen, der in Wahrheit ja gar nicht so gut ist, wie er zu sein scheint.

So ging es auch Johanna. Ich habe sie kennengelernt, als ich einmal Auswahlgespräche für die Begabtenförderung der Katholischen Kirche führen musste. Junge Menschen aus ganz Deutschland kamen da zusammen, die sich um ein Stipendium für besonders begabte Studierende beworben hatten. Ihre Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Johanna kam aus einem Dorf in einer ländlich geprägten Region. Ihr Vater besitzt einen kleinen Handwerksbetrieb, ihre Mutter kümmert sich um Haus und Kinder. Einfache Verhältnisse, wie man oft so gedankenlos sagt. Schon in der Grundschule waren ihre Noten exzellent, die Lehrer empfahlen sie fürs Gymnasium. Doch ihre Eltern wollten nicht. Niemand aus ihrer Familie hatte Abitur gemacht oder studiert. Für die Familie und die meisten im Dorf war das eine fremde Welt. Also ging Johanna zunächst auf die nahe Realschule. Erst als sich ein Lehrer sehr intensiv für sie eingesetzt hat stimmten die Eltern doch zu. Johanna durfte aufs Gymnasium in die Stadt, viele Kilometer von ihrem Dorf entfernt. Ihr Abitur hat sie dann als eine der besten ihres Jahrgangs abgelegt und studiert nun an einer großen Universität. Als erste aus ihrer Familie.

Eine Freiheit, um die sie kämpfen musste. Gegen die Zweifel ihrer Eltern und ihrer Umgebung, aber auch gegen ihre eigenen Zweifel. Ob das wirklich das Richtige für sie ist. Ob sie, das Kind aus einfachen Verhältnissen, neben den Kindern aus Akademikerfamilien überhaupt bestehen kann. Auch davon hat sie mir erzählt.

Als Johanna viele Jahre zuvor getauft wurde, da hat man ihr zugesagt, dass sie von nun an in der Freiheit der Kinder Gottes leben dürfe. Ein großes Wort ist das. Der Apostel Paulus hat es in einem seiner Briefe geschrieben. Gemeint hat er damit, dass ein Mensch, der sich Gott anschließt, frei wird. Frei, das Gute in sich zu entfalten und so im Sinne Gottes zu leben.

Doch automatisch funktioniert das meistens nicht. Wenn das Wort von der Freiheit der Kinder Gottes nicht nur eine Floskel bleiben soll, dann muss sich diese Freiheit auch entfalten können. Ich bin überzeugt davon, dass jedem Menschen eine besondere Gabe mitgegeben worden ist. Dass jede und jeder auf seine Weise etwas Besonderes ist und dass es leider viel zu selten gelingt, diese Gabe, meine Gabe zum Guten zu entdecken und zu entfalten.

Johanna hat es geschafft. Ihre Eltern, die sie über alles liebt, sind heute übrigens stolz auf ihre begabte Tochter und sie ist ihnen dankbar, dass sie ihr diese Freiheit gelassen haben. Die Freiheit, die Gaben zu entfalten, die ihr geschenkt worden sind.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 22.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche