Morgenandacht, 21.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Würde

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist der erste, wichtigste und großartigste Satz unserer Verfassung. Vor einem Monat erst haben wir ihren 70. Geburtstag gefeiert. Für mich ist er vor allem deshalb so großartig, weil er keine Zweifel zulässt. Weil es hier nicht um die Würde der Deutschen, der Weißen, der Gesunden, der geistig Fitten geht, sondern um die Würde jedes einzelnen Menschen. Egal wer er ist, wie gesund oder krank er ist und wo er oder sie geboren wurde. Jeder und jede hat dieselbe Würde, die niemals verloren gehen kann. Einfach deshalb, weil er oder sie ein Mensch ist. Und weil das in Deutschland nicht immer so klar war steht dieser wunderbare Satz ganz am Anfang unserer Verfassung.

Die Idee, dass jeder Mensch dieselbe Würde besitzt, haben die Väter und Mütter der Verfassung aber nicht erfunden. Diese Idee reicht zum Teil schon in die Antike zurück. Sie findet sich wieder in der Erklärung der Menschenrechte. Und sie ist untrennbar verbunden mit dem sogenannten christlichen Menschenbild, das ebenfalls den Geist unserer Verfassung mitgeprägt hat. Für Juden und Christen ist die Idee der Würde jedes Menschen nämlich nicht zu trennen von Gott. Schon mit den ersten Sätzen der Bibel wird ein Pfosten eingerammt, an dem kein Glaubender vorbeikommt: „Als sein Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27), heißt es da. Etwas später wird dann erzählt, wie Gott dem Menschen, den er geschaffen hat, noch den Lebensatem einhaucht. Der Mensch, und zwar jeder Mensch, so lese ich diese biblische Erzählung, ist ein Abbild Gottes. Und sein Leben ein Geschenk, das er von Gott erhalten hat - und eines Tages wieder an Gott zurückgeben wird.

„Sein Leben aushauchen“, diese etwas altbacken klingende Formulierung für den Tod knüpft direkt an dieses Bild an. Wer sich also am Leben eines andern Menschen vergreift, so könnte man hier kühn weiterdenken, der vergreift sich im Letzten an Gott selbst. Auch, wenn das keinen einzigen Despoten gehindert hat, die Menschenwürde anderer mit Füßen zu treten.

Denn diese Würde kann durchaus ins Wanken kommen, kann beschmutzt und beschädigt werden, auch hier und heute. Wenn einer abrutscht etwa, den Halt verliert, den Job, die Wohnung und damit irgendwie auch einen Teil seiner Würde. Manchmal denke ich daran, wenn ich der zerlumpten Gestalt in den dreckstarrenden Kleidern begegne, die mich jeden Morgen auf dem Bürgersteig um ein paar Münzen anbettelt. Dieser Mensch hat genau dieselbe Würde wie ich und sie ist womöglich sogar das einzige, das dieser Mensch noch hat. Doch was ist aus dieser Würde geworden?

Ich denke aber auch an den letzten Besuch bei meiner Mutter im Altenpflegeheim. Es ist ein christliches Haus des Diakonischen Werks. Immer wenn ich dort bin, dann sehe ich alt gewordene Menschen, die offenbar nichts und niemanden mehr erkennen. Die nicht mehr wissen, wer und wo sie sind. Die nicht mehr selber essen, trinken und sich waschen können. Die für jeden banalen Handgriff auf die helfenden Hände anderer angewiesen sind. Manche von ihnen scheint auch keiner mehr zu vermissen. Am Ende eines langen Lebens so leben zu müssen – auch das kann unwürdig erscheinen. Aber ich erlebe dort auch die Pflegekräfte, die mit schier endloser Geduld und Freundlichkeit auf diese Menschen eingehen. Die sich trotz Personalmangel in den täglichen, oft nervigen Routinen des Pflegealltags bemühen, dieses wunderbare Wort trotzdem Wirklichkeit werden zu lassen: Die Würde ist unantastbar, bis zum letzten Atemzug. 

„Nächstenliebe leben“, so heißt das Leitmotiv der Einrichtung. Ein steiler Anspruch ist das. Aber es ist die christliche Konsequenz, wenn jede und jeder ein Abbild Gottes ist, mit einer unantastbaren Würde. Ein Anspruch, an dem ich auch immer wieder mal scheitere. Aber ich versuche es, ihn zu leben. Auch, weil mir dieser großartige Satz am Anfang unserer Verfassung sehr am Herzen liegt.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 21.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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