Morgenandacht, 20.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Heimat

Mehr als dreißig Jahre ist es her, dass ich den Ort verlassen habe, an dem ich aufgewachsen bin. Da, wo mein Elternhaus stand, meine Schule, meine Pfarrkirche. Wo die Freunde meiner Kindheit zum Teil noch heute leben. Seither habe ich an verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet. Unter anderem auch ein paar Jahre in einem kleinen Dorf. Ich habe Menschen kennen gelernt, die dort geboren worden sind, ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht haben und die schon jetzt genau wissen, an welchem Platz sie einmal begraben sein werden. Menschen, für die es kaum vorstellbar wäre, aus ihrem Dorf wegzuziehen. Denn genau dort ist der Platz, wohin das Leben sie gestellt hat. Ihr Platz.

Mein Lebensentwurf wäre das nicht gewesen. Aber ich gebe auch zu: Es gab Momente, da habe ich sie beneidet. Da schien mir, dass sich für diese Menschen die Frage womöglich gar nicht stellt, die mich seit dieser Zeit begleitet: Wo und was ist eigentlich mein Platz? Meine Heimat?

Der deutsche Filmemacher Edgar Reitz hat sich mehr als ein Vierteljahrhundert lang mit diesem Thema beschäftigt. Reitz stammt aus dem Hunsrück, ist dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er lebt jedoch seit Jahrzehnten schon in München. In dreißig Spielfilmen, die alle den Titel „Heimat“ tragen, hat er die Geschichte der Familie Simon aus dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach erzählt. Reitz hat immer betont, dass es eine fiktive Geschichte ist. Und trotzdem hat sie auch mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu tun. Es ist eine Geschichte vom Aufgeben, Verlieren und Wiederfinden.

Denn Heimat hat nicht nur zu tun mit Orten und Landschaften. Es ist stets auch ein Gefühl, eine Erinnerung an Vergangenes. Klar, ich kann versuchen, das irgendwie festzuhalten. Das Haus meiner Kindheit, den Glauben meiner Kindheit, was auch immer. Doch es wird am Ende eine Kulisse bleiben, in der ich nicht mehr heimisch bin. Heimat lebt dann vielleicht als diffuse Sehnsucht in meinen Erinnerungen fort. Eine lebbare Wirklichkeit wird sie leider nicht mehr. In einem Interview hat Edgar Reitz dieses Phänomen selber einmal so beschrieben: „Alles, was man in Erinnerung hat, ein Traum, ein Kindheitsgefühl, ist unwiederbringlich verloren.“ „Heimat ist immer etwas Verlorenes …. Ein unerfüllbarer Traum.“[1]

Ich bin sicher, dass das, was Edgar Reitz da sagt, nicht nur für Orte gilt. Auch die  religiöse Heimat kann man verlieren. Manchmal komme ich ins Gespräch mit Menschen, die mir erzählen, dass sie früher mal geglaubt haben. Früher, als sie Kinder waren und all das noch glauben konnten, was so in der Bibel steht. Aber heute, als kritische, aufgeklärte Erwachsene könnten sie damit leider nichts mehr anfangen. Der Kinderglaube passt irgendwann einfach nicht mehr. Fast wie ein Kleidungsstück, aus dem ich herausgewachsen bin. Wenn ich dann keine neuen Erfahrungen mache oder Menschen begegne, die mir helfen, den Weg aus meinem Kinderglauben heraus zu einem erwachsenen Glauben zu finden, werde ich ihn vielleicht ganz aufgeben.

Wahrscheinlich bleibt uns darum gar nichts anderes übrig, als Heimat immer wieder neu zu suchen und zu finden. In Menschen, mit denen ich zusammen leben möchte. In Orten, an denen ich mich wohlfühle und an denen ich so leben kann, wie ich es möchte. Und in einem Glauben, der auch meinen erwachsenen Fragen und Zweifeln standhalten und mich tragen kann. Und ich bin mir sicher: Das geht letztlich auch den Menschen nicht anders, die ich damals als junger Theologe in jenem Dorf kennengelernt habe. Denn auch, wenn ich einen Ort nie verlasse. Er ändert sich ja trotzdem. So wie ich mich verändere und die Menschen um mich herum. Heimat ist wohl etwas, das sich stets wandelt und deshalb immer wieder neu gefunden werden muss. Vielleicht ein ganzes Leben lang.


[1] TAZ vom 15.12.2004, 12

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 20.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche