Morgenandacht, 19.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Seid fruchtbar?

Gedacht war er eigentlich als Segen. Inzwischen aber scheint er zum Fluch geworden zu sein. Jener so oft zitierte Satz aus der biblischen Erzählung von der Erschaffung der Welt: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen! (Gen 1,28)

So jedenfalls trägt es Gott in dieser Geschichte, ganz zu Beginn der christlichen Bibel, den Menschen auf. Eben erst hat er sie geschaffen. Als die letzten Geschöpfe nach allen anderen. Und dann dieser folgenschwere Satz, mit dem Gott nach dieser Erzählung die ganze Schöpfung in die Hand der Menschen legt. Immer wieder haben Bibelgelehrte fast verzweifelt darauf hingewiesen, dass damit nie und nimmer gemeint war: Beutet die Erde rücksichtslos aus und macht mit ihr, was ihr wollt. Dass damit vielmehr gesagt ist: Sorgt euch um die Schöpfung, kultiviert sie und nutzt ihre Schätze. Gebracht hat das bekanntlich wenig. Denn die Menschheit macht sich inzwischen immer breiter und scheint andere Geschöpfe für immer von der Erde zu verdrängen.

Weltweit sind wir schon siebeneinhalb Milliarden und wir werden täglich mehr. Siebeneinhalb Milliarden Menschen, die jeden Tag sauberes Wasser brauchen, genug zu essen und Platz zum Leben. Siebeneinhalb Milliarden aber auch, die nicht nur vom Allernötigsten leben wollen. Die sich alle einen zumindest bescheidenen Wohlstand wünschen, mit all den Konsequenzen, die das dann für die endlichen Ressourcen mit sich bringt. „Füllt die Erde und unterwerft sie euch“? Der Satz stößt längst an ökologische Grenzen, aber nicht nur an die.

So richtig fassbar geworden ist mir das bei einem Besuch in Ostafrika vor einigen Jahren. Das kleine Ruanda gehört mittlerweile zu den boomenden Staaten Afrikas. Die Fortschritte, die das Land bei seiner Entwicklung macht, sind wirklich beeindruckend. Und trotzdem haben wir dort junge, bestens ausgebildete Menschen getroffen, die am liebsten weg wollen. Weil sie daheim keine adäquate Beschäftigung finden und weil es so viele junge Leute gibt, die ebenfalls eine suchen. Ruanda gehört schon heute zu den am dichtesten bevölkerten Ländern der Erde und wächst weiter. Kurz: Die vielen positiven Entwicklungen können mit der wachsenden Zahl der Menschen oft nicht mithalten. Das weiß auch die ruandische Regierung und versucht, die Menschen zu überzeugen. Von einer besseren Familienplanung und damit besseren Chancen für jeden Einzelnen und für die Natur. Das ist mühsam und braucht einen langen Atem. Aber ganz langsam bewegt sich etwas. Und nicht nur dort. Für ein paar Jahrzehnte, sagen die Wissenschaftler, wird die Menschheit vor allem in Afrika noch weiter wachsen, bevor die Weltbevölkerung stagniert und langsam zurückgeht. Doch bis es soweit ist wird es eine gigantische Herausforderung werden für die Schöpfung und für uns alle.

Unsere Gesprächspartner in Ostafrika hatten damals längst verstanden, dass eine gute Zukunft für ihr Land nur in einer Art Partnerschaft mit der Natur funktionieren kann. Und ich habe den Eindruck, dass das auch immer mehr Menschen in meiner Umgebung so sehen. Wir werden sehr schnell anders leben und wirtschaften müssen, auch wenn das oft wahnsinnig schwerfällt. Auch mir. Überbevölkerung ist in Europa ja schon lange kein Thema mehr, eher im Gegenteil. Doch das macht es auch möglich, den folgenreichen Satz vom Anfang der Bibel vielleicht noch mal ganz anders zu buchstabieren: Seid fruchtbar für alles, das euch umgibt. Bevölkert also ruhig die Erde und nutzt ihre Schätze. Vergesst dabei aber niemals, dass ihr bei allem, was ihr tut, auch Verantwortung tragt für die übrige Schöpfung. Für die Fische im Meer, die Vögel am Himmel und für alle Pflanzen und Tiere, die sonst noch mit euch auf dieser Erde leben.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 19.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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