Morgenandacht, 18.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Warum?

Warum? So beginnen oft entscheidende Fragen.

Warum bist du bei Rot über die Ampel gefahren?
Warum bist du nicht vorbeigekommen?
Warum hast du mich belogen?

Nun sind das Fragen, die sich früher oder später irgendwie beantworten lassen: Weil ich die Ampel einfach übersehen habe! Weil ich viel zu viel zu tun hatte! Weil ich mich geschämt habe, die Wahrheit zu sagen! Die Antworten auf solche WARUM-Fragen mögen weder besonders gut noch befriedigend sein. Aber immerhin, es gibt Antworten.

Doch dann gibt es auch diese anderen Warum-Fragen, die viel bedrängender sind und auf die wir im Letzten keine Antwort bekommen werden. Etwa: Warum bloß ist dieser Mensch in meiner Nähe so schwer erkrankt?

Und dann ertappe auch ich mich immer wieder dabei, dass ich mir schnelle Antworten zusammenreime. Weil ich dieses „Warum“ so schwer ertrage und weil ich die Welt gern klar und verständlich haben will.  Dann höre ich mich vielleicht antworten: Na ja, er hat eben viel geraucht, hat sich ungesund ernährt! Und so weiter. Doch wenn ich ehrlich bin ist es nur ein hilfloser Versuch das Unerklärliche zu erklären. Weil mir oft auch die besten Ärzte nicht sagen können, warum der eine nun Krebs bekommt, der andere aber nicht. Warum es gerade meinen Kollegen im Büro getroffen hat, mich aber nicht. Warum er? Warum ich nicht? Warum?

Vollends unerträglich werden solche Warum-Fragen aber, wenn es um den Tod geht. Wenn es in der Todesanzeige heißt: „Unfassbar für uns alle“, oder „Mitten aus dem Leben gerissen“. Vielleicht die schlimmste Tragödie, die über Angehörige und Freunde, die zurückbleiben, hereinbrechen kann. Und mit ihr stellt sich umso drängender die Warum-Frage, auf die es keine Antwort gibt. Ein Mensch, der an Gott glaubt, kann diese offene Frage immerhin Gott entgegen schleudern. Er kann mit Gott ringen, ihn anbrüllen, sich sogar von ihm lossagen. Weil Gott es nicht verhindert und scheinbar sinnlos und unfair ein Lebensglück ruiniert hat. Eine schlüssige Antwort auf das Warum allerdings wird es trotzdem nicht geben. 

Als im Oktober 2016 in Freiburg die Medizinstudentin Maria vergewaltigt und ermordet wurde, hat mich dieses Schicksal auch persönlich bewegt. Meine Tochter, ebenfalls Studentin, war damals etwa so alt wie sie. Ich musste an Marias Eltern denken, ihre Geschwister, an deren Schmerz. Als die Polizei dann einen afghanischen Asylbewerber als Täter überführt hatte, schien für manche alles klar. So einer also, konnte man sich ja denken. Doch das ist Quatsch. Klar ist gar nichts. Der Mann wurde im letzten Jahr zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Frage nach dem Warum aber hat auch der Prozess nicht beantwortet. Die Eheleute Ladenburger, Marias Eltern, sind gläubige Christen. In der Trauer um ihre Tochter haben sie einen eigenen Weg gefunden, mit dieser unbeantwortbaren Frage umzugehen. Sie haben eine Stiftung ins Leben gerufen, die nun den Namen ihrer Tochter trägt und Studierende der Universität Freiburg in schwierigen Lebenssituationen unterstützt. Ganz ausdrücklich auch Geflüchtete. In einem Interview haben sie darüber Sätze gesagt, die mich sehr berührt haben: „Wir haben gespürt, Gott gibt uns die Kraft, dieses Schicksal zu meistern.  … Gott kann nicht alles Böse von uns fernhalten. Aber er ist im Leid gegenwärtig und er teilt unser Leid. Das haben wir seit Marias Tod sehr wohl erfahren.“ Und weiter: „Kann man diesem Tod einen Sinn abgewinnen? … So sollten wir als Betroffene nicht fragen. Die Frage muss vielmehr sein: Was erwächst daraus für uns als Aufgabe, als Auftrag? … Aus dem Bösen, das uns trifft, aus Ereignissen, die wir nicht verstehen, … kann – durch den Beitrag jedes Einzelnen – Gutes wachsen.“ [1] 

So haben es Marias Eltern gesagt. Angesichts des Leids, das sie durchlitten haben, mögen solche Worte für manchen schwer nachvollziehbar sein. Aber für mich sind sie eine Lehrstunde darüber, was Christsein im Letzten bedeuten kann.

 


[1] Badische Zeitung vom 09.03.2019, S. B2

 Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 18.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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