Morgenandacht, 17.06.2019

von Pastoralreferent Martin Wolf, Kaiserslautern

Offener Himmel

Schietwetter, so nennen das die Einheimischen oben in Friesland. Für ein paar Tage bin ich dahin gefahren, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Immer wieder türmen sich nun mächtige graue Wolken am Himmel auf. Ein böiger Wind treibt sie vor sich her. Und dann prasseln heftige Regenschauer herunter. Ich habe es trotzdem gewagt, hab mir die Regenjacke angezogen und bin zwischen zwei Schauern einfach raus vor die Tür. Eine Runde laufen durch die weite friesische Landschaft. Da reißen plötzlich die dicken Wolken vor mir auf und ein Streifen blauer Himmel kommt zum Vorschein. Sonnenstrahlen fallen durch die Wolkenlücke und bringen die Wassertropfen auf den Blättern am Wegrand zum Glitzern. Es ist ein Szenario, in dem ich mir urplötzlich ziemlich klein und demütig vorkomme inmitten einer grandiosen Natur.

Es wundert mich nicht, wenn die Verfasser der Bibel solche Erfahrungen ganz besonders mit Gott in Verbindung gebracht haben. In der Geschichte von der Taufe Jesu am Jordan etwa, in der auch plötzlich der Himmel aufreißt und die Umstehenden gar meinen, die Stimme Gottes zu hören. Oder bei der sogenannten Verklärung Jesu auf dem Berg. Eine geradezu mystisch anmutende Geschichte. Auch da plötzlich Wolken, strahlendes Licht und eine Stimme aus dem Off. Natürlich höre ich keine Stimmen und weiß auch, was sich da meteorologisch über mir abspielt. Aber die Erfahrung der eigenen Winzigkeit angesichts einer atemberaubenden Natur lässt mich zumindest ahnen, dass da noch etwas Anderes, Größeres sein kann und der offene Himmel ist ein wundervolles Bild dafür.

Ein Ort, an dem der Himmel offen ist. So hat der Journalist Heribert Prantl auch mal umschrieben, was die Kirche in seinen Augen im Idealfall sein kann. Er hat das geschrieben, obwohl oder gerade weil die real existierende Kirche daran so oft erbärmlich scheitert. Wenn Verbrecher in ihren Reihen junge Menschen als Lustobjekte missbrauchen und ihnen damit nicht den Himmel, sondern die Hölle auf Erden eröffnen. Wenn sich mancher Würdenträger nicht wie ein Wegbegleiter für Menschen, die Gott suchen, sondern eher wie Gottes rechte Hand aufführt. Und dennoch ist die Kirche auch mehr als das. Als die Kathedrale Notre Dame in Paris vor kurzem drohte, für immer zerstört zu werden, da haben unzählige Menschen in ganz Europa gebangt und viele von ihnen gesungen und gebetet. Auch solche, die schon lange keinen Gottesdienst mehr besucht haben. Weil es nicht bloß ein Gebäude war, das da brannte, sondern ein Ort, der so viel mehr bedeutet. So besuchen auch zig Millionen Menschen jedes Jahr die uralten Dome etwa in Köln oder Speyer. Nicht nur, um dort ein paar Selfies zu knipsen. Sondern weil sich in solchen Räumen eine Dimension erahnen lässt, die über unser alltägliches Leben hinausweist. Ein Ort, an dem der Himmel offen ist.

Und solche Orte finden sich für mich auch im Unscheinbaren. Etwa, wenn in deutschen Städten Ärztinnen und Ärzte in ihrer Freizeit mit einem Arztmobil in die Schmuddelecken der Städte fahren. Wohnsitzlose und andere vom Leben Gezeichnete können bei ihnen ärztlichen Rat, einen frischen Verband oder einen heißen Tee bekommen.  Niederschwellig und kostenlos. Ein Ort, an dem der Himmel offen ist. Oder eine Wohneinrichtung ganz in meiner Nähe. Dort leben Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in ihren Familien bleiben können. Zum Beispiel, weil sie vernachlässigt oder geschlagen worden sind. In dieser Einrichtung finden sie ein neues Zuhause und Menschen, die sich so viel Zeit für sie nehmen, wie sie brauchen. Ein Ort, an dem der Himmel offen ist. Ich bin sicher, es gibt tatsächlich viel mehr von ihnen, als man denkt.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 17.06.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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