14. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Propsteikirche St. Gangolf, Heinsberg


Predigt von Propst Markus Bruns

Liebe Schwestern und Brüder,

hier in der Kirche und zuhause oder unterwegs am Radio! Die ersten Augenblicke sind oft von nicht unerheblicher Bedeutung für den weiteren Verlauf einer Begegnung. Der Einstieg in ein Gespräch kann schon erste Weichen stellen.

Dabei spielen Gesichtsausdruck und Körperhaltung eine wichtige Rolle, genauso wie Sympathie und die eigene Stimmungslage. Von den ersten Augenblicken kann ganz viel abhängen, für das Gelingen oder auch Missglücken einer Begegnung.

„Sagt als Erstes: Friede diesem Haus!“ – so haben wir es eben im Evangelium gehört.

Und ich glaube, es geht dabei um mehr als eine Form der freundlichen Begrüßung. Das hebräische Wort „Shalom“ kann eigentlich nur ungenügend mit „Friede“ übersetzt werden.

Shalom meint mehr, es ist ein Gruß- und Segenswort. Shalom meint nicht nur, dass in diesem Haus kein Streit sein soll, sondern es beinhaltet den Wunsch, dass Glück und Gottes Segen hier wohnen mögen.

„Friede diesem Haus!“, das ist keine einfach so daher gesagte, freundliche Begrüßungsformel. „Friede diesem Haus!“ drückt eine innere Haltung aus, ist eine Frage des Herzens, meint den inneren Grundklang. Friede als Grundlage und Ausgangspunkt für alles, was folgt.

Der Prophet Jesaja spricht davon, dass Gott den Frieden wie einen Strom zu uns leitet und fließen lässt … damit das Herz sich freut und wir aufblühen können, wie frisches Gras.

Aber so einfach ist das nicht: Wenn ich verärgert bin oder mit Vorurteilen besetzt, wenn ich abgelenkt oder mit etwas anderem beschäftigt bin, wenn mich negative Gedanken oder ganz bestimmte Erwartungen umtreiben, dann kann es  sein, dass der Friede nicht fließen kann.

Wenn ich mit einem „dicken Hals“ in ein Gespräch oder eine Sitzung gehen, wenn ich schon eine vorgefestigte Meinung habe, dann steht die Begegnung von Anfang an nicht unter guten Bedingungen.

Ich habe das in der letzten Zeit mehr als einmal erleben müssen: da waren meine Erwartungen zu hoch, da wollte ich meine Vorstellung durchsetzen, da hatten negative Gedanken Oberhand. Da war der Friedenfluss von Anfang an gestört.

„Sagt als Erstes: Friede diesem Haus.“ Vielleicht ist es gut, vor dem Ankommen, vor einer Begegnung, einen Augenblick innezuhalten, dem Frieden Raum geben und den Friedenstrom fließen lassen.

Und das bedeutet dann auch, dem Gegenüber absichtslos, ohne Erwartung und doch erwartungsfroh zu begegnen. Aus tiefem Herzen und ganzer Überzeugung möchte ich meinem Gegenüber den Frieden wünschen.

Friede, der Pflegerin, die an mein Krankenbett kommt – auch wenn ich Schmerzen habe und mich schwach fühle; auch wenn ich merke, dass die Pflegerin unter großem zeitlichen Druck steht.

Friede, dem Freund, der mich enttäuscht hat, auf den kein Verlass ist, der unehrlich war und dem ich lieber aus dem Weg gehen möchte.

Friede, dem Fremden, der mich um Hilfe bitte, obwohl ich ihn kaum verstehe, der mir irgendwie lästig vorkommt und ich eigentlich ja gar keine Zeit habe.

Wenn wir wirklich als Erstes den Frieden wünschen, dann sprechen wir unserem Gegenüber Gottes Segen zu, weil Gott diesen Menschen liebt, weil Gott uns alle liebt. Und Gott liebt nicht nur die, die wir lieben, er liebt auch die, mit denen wir unsere Probleme haben, die uns fremd sind, die wir noch nicht kennen.

Wer Shalom sagt, denkt groß und gut vom anderen. Wer Shalom sagt, muss alles, was zwischen ihm und dem anderen steht, aus seinem Herzen beiseite räumen: Streit und Neid, Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit, Eifersucht und Egoismus, Vorurteile und Missgunst. Für den, der Shalom sagt, gibt es nur eines: segnen.

 „Friede diesem Haus“, das ist kein Automatismus. Denn es braucht ja auch die Annahme und das Ja des Gegenübers. In manchen Situationen und Konstellationen wird der Frieden nicht so fließen können, wie wir uns das wünschten und gerne hätten.

Manchmal ist mein Friedenswunsch vielleicht nicht erwünscht. Ich werde auch mit Ablehnung und Zurückweisung rechnen müssen. Das mag traurig machen und enttäuschen, aber in friedlicher Gesinnung gilt es auch das zu akzeptieren. Frieden und Segen drängen sich nicht auf.

Manches wird bruchstückhaft bleiben oder sogar missglücken. Dennoch sind und bleiben wir Gesegnete. Und schließlich ist es Gott, der den Frieden wie einen Strom zu uns leitet. Dem sollten wir uns nicht verschließen, sondern unser Mögliches tun, damit Frieden fließen kann, zwischen uns, zwischen dir und mir.

Ich wünsche uns viele gute und gelingende Begegnungen: zu Hause und im Alltag. Begegnungen, in denen der Friede fließt, Begegnungen, die uns einander zum Segen werden lassen.

Für viele beginnen jetzt die Ferien: die kommende Urlaubszeit gibt Gelegenheit für viele neue und interessante Begegnungen.

Denken wir in all diesen Begegnungen groß und gut vom anderen. Und sagen wir aus ganzen Herzen als Erstes „Friede diesem Haus!“.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 07.07.2019 gesendet.





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