Dreifaltigkeitssonntag

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche Zu den Heiligen Schutzengeln, Nordseeinsel Juist


Predigt von Generalvikar Theo Paul

Liebe Mitchristen!

Es war nicht hier am Strand unserer schönen Insel Juist. Der heilige Augustinus lebte im Mittelmeerraum. Er hat sich intensiv mit der Lehre der Dreifaltigkeit beschäftigt. Das hat ihn immer wieder in Zuversicht und Zweifel gestürzt. Eines Nachts träumte er von einem kleinen Jungen, der versuchte mit einer Muschel das ganz weite Meer auszuschöpfen – ein unmögliches Unterfangen. Beim Erwachen aus diesem Traum wurde Augustinus klar, dass er selbst dieser kleine Junge war, der versuchte das Geheimnis Gottes zu ergründen.

Der Glaube an die Dreifaltigkeit eröffnet uns Kreativität und Freiheit. Gott ist einer. Diese Aussage der Einzigkeit und Einzigartigkeit stützt sich auf die Bibel. Im Buch Exodus heißt es: „Ich bin der Herr, dein Gott, und du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Ex 20,20). Und beim Propheten Jesaja: „Ich bin der Erste und der Letzte, außer mir gibt es keinen Gott“ (Jes 44,6). Dieser eine Gott ist für uns Christen kein einsamer Gott. Unser Gott lebt Beziehung. Er ist kommunikativ. Er ist mit Vater, Sohn und Heiligem Geist in sich Beziehung.

Auch der zweite Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der 1961 bei einem Flugzeugunglück starb, hat sich mit dem Bekenntnis zum dreifaltigen Gott beschäftigt. In seinem Tagebuch hat er Dreifaltigkeit mit drei verschiedenen Ortsbestimmungen versehen. Er fühlte sich verbunden – vor, mit und im dreifaltigen Gott. 1956 schrieb er:

    „Vor dir, Vater, in Gerechtigkeit und Demut

    mit dir, Bruder, in Treue und Mut

    in dir, Geist, in Stille.“

Warum dieses vorm, mit und im Angesicht des einen Gottes?

Vor Gott fühlte er sich in seinem Streben nach Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Sinn. Demütig wollte er in Gottes Sinn handeln. Für Hammarskjöld war Gott die Quelle, der Ursprung aller Worte.

Mit Gott fühlte er sich, weil dieser durch Jesus zu unserem Bruder geworden ist. Er geht mit uns den Weg unseres Lebens.

In uns, so sah es Hammarskjöld, ist Gott durch seinen Geist in unserer Person und Biographie. Er nimmt uns und unser ganzes Leben mit hinein in sein göttliches Geheimnis, bietet uns eine Heimat, die alles umfasst.

Auf vielerlei Weise versuchen wir Menschen, Gottes Dreifaltigkeit zu verdeutlichen, sprechen von Einheit in Verschiedenheit, Gemeinschaft und Persönlichkeit, Einsamkeit und Beziehungsfähigkeit. Der brasilianische Theologe Leonardo Boff hat die menschliche Beziehungserfahrung aufgegriffen: Beziehungen zu pflegen nach oben, zu den Seiten, nach innen. Der Vater ist das Unendliche „nach oben“, der Sohn das Radikale „zu den Seiten“ und der Heilige Geist „nach innen“.

Was sagt uns das für unser Leben, für unseren Alltag?

In meinem Studium hätte ich gesagt: Dreifaltigkeitslehre ist weltfremd. Heute sehe ich dem Glauben an die Dreifaltigkeit als große Chance, etwa wenn es um Verantwortung in der Kirche geht. Verantwortung hat in der Gemeinde nicht allein der Priester. In den verschiedenen Diensten eines pastoralen Teams zeigt sich die Einheit in Verschiedenheit im konkreten Leben der Kirche.

Hier auf Juist ist schon lange kein Pfarrer mehr vor Ort. Schwester Michaela Wachendorfer ist die katholische Seelsorgerin auf der Insel. Gemeinsam mit ihrer verstorbenen Mitschwester Gerlinde Bretz hat sie ein ganz besonderes Angebot entwickelt für Menschen, die das Geheimnis Gottes zu ergründen suchen.

Sr. Michaela Wachendorfer:
In meiner Arbeit hier auf Juist erlebe ich viele Menschen, die sich Zeit nehmen, um über sich selber und ihre Beziehungen nachzudenken. Sie sehnen sich nach einer tiefen, lebendigen Beziehung mit sich und mit Gott, mit den anderen, mit der gesamten Schöpfung. Der endlose Sandstrand, das Meer mit dem ständigen Wechsel von Ebbe und Flut, die Entschleunigung und Ruhe hier helfen, andere Seiten im persönlichen Leben zu entdecken.

Und so haben wir hier in der katholischen Gemeinde vor einigen Jahren das Projekt „Stille auf Juist“ entwickelt. Jeden Tag gemeinsames Schweigen in der Kirche. Wir eröffnen ausdrücklich einen Raum für Begegnung mit sich selber, mit Gott, mit den anderen… Einen Raum der Stille und des Schweigens, in dem sich etwas zeigen kann, was sonst überhört oder übersehen wird, in dem sich etwas entwickeln darf in der Zeit, die das auch braucht, ungestört von Lärm -eben nicht schnell, effizient und optimiert.

Durch Stille als einzelne, aber eben auch durch gemeinsames Sitzen in Stille kann man dem Geheimnis Gottes näherkommen. So wird diese Kirche durch die lebendigen Menschen, die darin suchen, beten und meditieren zum Gottesort, wo Heilsames, Erfrischendes, Tröstendes geschieht oder langsam keimt wie ein kleines Samenkorn.

Gott kommt meist in der Form des Beginnens, nicht in der fertigen Wirkung, eben in der Weise des Lebens: Er rührt an und löst Bewegung aus… Dann kann etwas reifen und wachsen. Und es entsteht hier eine lebendige Gemeinde, die immer in Bewegung ist, sich immer wieder verändert, immer neu in Beziehung tritt, -offen, unvoreingenommen, empfangsbereit, aufmerksam ...

Generalvikar Theo Paul:
So ist Juist ein Lernort für eine trinitarische Praxis der Kirche.

-        Als Christen können wir gelassen in einer pluralen Welt mit Vielfalt umgehen. Wir glauben an einen Gott, der selber vielfältig und doch einer ist.

-        Als Kirche brauchen wir keine Angst vor Offenheit und Transparenz zu haben. In den verschiedenen Akzenten äußert sich der eine Gott.

Juist ist eine Gemeinde, die Vielfalt verträgt. Eine offene Kirche, die als liebende Kirche keinen ausschließt, die als mystische Kirche um Grenzen und Schwächen weiß und die nicht alles erklären kann und will. Ganz im Sinn des großen Theologen Karl Rahner. Glauben, das hieß für ihn: „die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 16.06.2019 gesendet.





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