Hochfest des Leibes und Blutes Christi

Predigt des Gottesdienstes aus der Kapelle des St. Franziskus-Hospitals, Münster


Predigt von P. Hubertus Deuerling CO

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
hier in der Krankenhauskapelle oder wo immer sie zugeschaltet sind!

Für viele Zeitgenossen ist das Fronleichnamsfest ein überkommenes Relikt aus uralten Zeiten, mancherorts mit folkloristischem Brauchtum angereichert, kunstvoll gelegten Blumenteppichen und idyllischen Trachten, die gerade noch neugierige und interessierte Touristen anlocken. Für manche gehört es zu den Resten einer längst überholten mittelalterlichen Schaufrömmigkeit, als man dem Priester noch Bestechungsgelder anbot, damit er die konsekrierte Hostie nach der Wandlung möglichst lange und gut sichtbar empor hielt. Einige sehen darin eine letzte Bastion gegenreformatorischer Abgrenzung, die man im Zeitalter der Ökumene doch allmählich hinter sich lassen sollte. Zwölfhundert Jahre lang ist die Christenheit ohne dieses Fest ausgekommen. Wäre es nicht an der Zeit, das Fronleichnamsfest auf der Schutthalde der Kirchengeschichte zu entsorgen? Brauchen wir dieses Fest denn noch?

So veraltet das Fronleichnamsfest mit seiner Prozession auf den ersten Blick wirkt, so birgt es doch tiefe Wahrheiten, die aktueller und notwendiger erscheinen denn je. Lassen Sie mich drei Aspekte herausgreifen.

Der erste Aspekt lautet: „unterwegs sein.

In der Bibel werden sehr viele Weg-Geschichten erzählt, angefangen von Abraham und Mose bis hin zu den Reisen der Apostel. Jesus berief seine Jünger mit den Worten „Folgt mir nach!“, will heißen: „Geht hinter mir her!“. Die ersten Christen nannten sich „Anhänger des Neuen Weges“. Für sie war Christsein kein Stillstand, sondern so etwas wie eine Wegstrecke, auf der sie sich voran tasteten in dieser Welt mit allen Höhen und Tiefen und allen Herausforderungen.

Christsein bedeutet dann, sich als „Lernende“ zu verstehen. Ich frage mich: Wie oft gibt es statische und feste Vorstellungen von einem „guten Christen“, ein bestimmtes Anforderungsprofil. Da gibt es dann einen klaren Maßstab, der die anderen leicht bewerten und beurteilen kann, wie früher der sonntägliche Kirchgang: Das ist ein guter Christ, das ist ein schlechter Christ. Die gehören dazu und die nicht. Manche Christen stellen auch an sich selbst und ihre religiösen Leistungen so hohe Ansprüche, dass sie nur frustriert bleiben können und sich klein und unwürdig fühlen.

Wir müssen als Christen nicht fertige Prototypen des perfekten Menschen sein. Wir sind als Lernende unterwegs, wir sind in unserem menschlichen Bemühen noch nicht am Ziel. Ich finde das sehr entlastend.

Es ist aber auch herausfordernd, denn es bedeutet: immer wieder neu aufzubrechen, sich nicht häuslich und bequem einzurichten, sich nicht im Liegestuhl von Privilegien und gesicherter Finanzierung zu sonnen, nicht die Vorgärten wohlgeordneter Strukturen und Verwaltungen zu hegen, sondern sich immer wieder neu herausrufen zu lassen und sich auf den Weg zu machen – mit leichtem Gepäck. „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe“, sagt Jesus. (Lk 10,4).

Der zweite  Aspekt lautet: „gemeinsam“.

Niemand kann für sich allein existieren; wir sind aufeinander verwiesen. Das gilt für das menschliche Leben generell und gilt auch für den christlichen Glauben. Das Christentum ist auf Gemeinschaft angelegt. Es geht nicht nur um das Verhältnis zwischen mir und Gott. Wenn ich versuche, nur für mich selbst Christ zu sein, werden mir wesentliche Aspekte des Glaubens verschlossen bleiben.

Es ist wie beim Fußball: Wenn ich den ganzen Tag alleine gegen ein Garagentor kicke, so kann das Spaß machen, aber letztlich habe ich das Spiel noch nicht verstanden und vom eigentlichen Reiz, dem Wert von Spielzügen und Kombinationen, der Schönheit des Zusammenspiels werde ich nichts mit bekommen. Was macht einen guten Fußballtrainer aus? Er versteht es, aus einem Haufen von Einzelkämpfern ein richtiges Team, eine Mannschaft, eine Gemeinschaft zu formen.

Dahin möchte mich das Evangelium führen: Wenn ich der Botschaft Jesu vertraue, werde ich tiefer und tiefer verstehen lernen, wie sehr ich selbst geliebtes Kind Gottes bin. Und ich werde auf diesem Weg erkennen, dass meine Mitmenschen ebenfalls Gottes geliebte Kinder sind, meine Geschwister.

Für den heiligen Franziskus, in dessen Fußspuren wir uns hier am Franziskus-Hospital bewegen, erwuchs daraus das Bewusstsein einer universalen Geschwisterlichkeit mit der ganzen Schöpfung und mit allen Menschen: Gott ist Schöpfer aller Menschen und des Kosmos; wir alle sind Teil Gottes guter Schöpfung; wir alle sind wirklich Schwestern und Brüder!

Das Gebet, das Jesus gelehrt hat, heißt mit gutem Grund „Vater unser“ und nicht „Vater mein“. Der Glaube, so wie Jesus ihn verstand und vermittelte, ist zwar eine sehr persönliche, aber eben keine private Angelegenheit. Wir haben den Glauben von anderen gelernt, wir sind eingeladen, ihn gemeinsam zu leben und uns gegenseitig in unserer Hoffnung zu bestärken.

Der dritte Aspekt: „Mit Christus“.

Das Wort vom „Glaubensweg“ wird gelegentlich sehr problematisch gebraucht. „Der Weg ist das Ziel.“ Dieser Satz kann richtig sein, aber auch missverstanden werden. Denn der Glaube ist nichts Unverbindliches und bedeutet nicht ein beliebiges oder planloses Umherspazieren. Ein Weg, der kein Ziel kennt außer dem Unterwegssein, wird bald langweilig und führt in die Frustration. Da kann ich auch im Kreis laufen.

Nicht der Weg ist das Ziel, sondern Jesus Christus. Damit wird deutlich, dass der christliche Glaube mehr ist als die vage Vorstellung, dass „es da noch etwas gibt“, irgendeine „höhere Macht, die es irgendwie gut mit uns meint“. Bin ich schon Christ, wenn ich sage: „Ich halte mich an die Gebote und tu niemandem etwas zuleide.“? Christsein bedeutet mehr als „anständig leben“.

Was macht einen Christen zum Christen? Sind es Menschen, die ehrlich und aufrichtig durchs Leben gehen? Menschen, die das Gute wollen, und zwar nicht nur für sich sondern auch für andere, und sich aktiv dafür einsetzen? Solche Menschen ehrlichen Herzens und guten Willens gibt es auch in anderen Religionen und unter Atheisten.

Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht nicht ein theoretisches Konzept, eine Philosophie oder Ethik, sondern eine Person: Jesus Christus. Auch wenn Jesus mit der Bergpredigt und mit der Botschaft vom Reich Gottes eine neue Lehre verkündet, so ist er letztlich selbst die Botschaft und Offenbarung Gottes. Er fordert die Menschen nicht auf: „Studiert meine Lehren!“, sondern er ruft in seine Nachfolge: „Folgt mir nach!“ (Geht hinter mir her!) Christsein ist der Weg hinter Jesus her, um an seinem Beispiel, an seiner lebendigen Person zu lernen. Dabei geht es wesentlich um Beziehung und nicht um blinden Gehorsam. Jesus hat das sogar auf eine Formel gebracht und gesagt (vgl. Joh 15,15): „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ Diese persönliche Beziehung zu Jesus Christus ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens.

Damit sind der Maßstab und das Kriterium angegeben, an dem die Kirche, alle Institutionen, alle Gebäude aus Steinen und Dogmen, aber auch aller Erneuerungsversuche und Reformen zu messen sind. In dieser Welt muss die Kirche ein Ort sein, wo Jesus Christus gefunden und erfahren werden kann.

Aber Jesus ist nicht nur das Ziel; Er ist der Weg, wie er selbst sagt, und Er ist Begleiter auf diesem Weg. Durch die Teilnahme an der Prozession bekennen wir uns zu Christus, aber auch Er bekennt sich zu uns: „Ich throne nicht fern von Euch, sondern gehe mit Euch, durch die Straßen und Gassen Eures Alltags.“ Er ist „Immanuel“ – Gott mit uns!

So wird die Fronleichnamsprozession zum Bild für den christlichen Glauben, und es wird heute vielerorts „anschaulich“, was doch für alle Tage des Jahres gilt und auch für die Kirche von morgen gelten wird: mit Christus sind wir gemeinsam unterwegs zu Gott, dem Vater aller Menschen. Wir alle, ob wir nun an einer Prozession teilnehmen können oder nicht, dürfen Teil dieser Bewegung sein: pilgerndes Gottesvolk.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 20.06.2019 gesendet.





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