Morgenandacht, 08.06.2019

von Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs aus Wiesbaden

Göttlicher Ratgeber – Geistliche Begleitung

Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele Grund. Ohne dein lebendig Weh‘n kann im Menschen nichts bestehen, kann nichts heil sein noch gesund.“

Zwei Verse aus einem uralten Lied zum Heiligen Geist. Sie sprechen elementare Erfahrungen an, die wohl jede und jeder von uns kennen. Wie denn kommt Glanz in unsere Augen und auf unser Gesicht? Nur dadurch, dass wir gelobt werden und uns geschätzt und geliebt wissen. Ein strahlendes Gesicht ist wie ein innerer Sonnenaufgang. „Herz und Angesicht“ sind berührt. Warum ist ein ehrliches Lächeln schier unwiderstehlich? Weil uns da etwas anstrahlt, was wohlwollend ist und guttut. So ist es hoffentlich schon von Geburt an: das Baby wird ansehnlich, weil und wenn es sich liebevoll angesehen weiß. Wenn Mutter und Vater ihr Angesicht liebevoll über ihm leuchten lassen, kommt es zu seinem eigenen Dasein.

Und so ist es ein Leben lang: Menschwerden heißt, aus dem wertschätzenden Anblick anderer leben lernen. Der Filmemacher Wim Wenders hat über Papst Franziskus gesagt, er habe nie im Leben einen Menschen mit einer solch positiver Energie getroffen. Franziskus hatte von sich selber gesagt: „Ich bin ein Sünder, den Gott angeschaut hat.“ Wo Menschen so sprechen und leben lernen, stehen sie in der Ausstrahlung Jesu. Sie sind von jenem Geist geprägt, der das Angesicht der ganzen Erde verändern will, und zuvor das Antlitz aller Menschen. Woher sonst hätte der Papst seinen Humor, sein Lächeln, aber auch seine Trauer über den Ist-Zustand der Kirche und der Welt? Er weiß sich angeschaut von Gott, und das schenkt ihm Humor, Güte und Ausstrahlung. Im Heiligen Geist weiß sich der Mensch von Gottes Güte angeschaut, und so entdeckt und fördert er das Gute in der Welt, sogar im manchmal ihm widerlichen Mitmenschen und in der eigenen Schwachheit. Schauen wir einander an mit diesem Blick des Wohlwollens, der ermutigt und Kräfte freisetzt.

„Komm, o du glückselig Licht“ – das hieße dann: Befreie uns aus einer Welt, wo man nichts geschenkt bekommt und alles selber verdienen muss! Lass uns herausfinden aus Lebensverhältnissen, in denen wir „hart gegen uns und brutal gegen andere“ sein müssen. Erlöse uns vom Ungeist einer Ellbogen-Gesellschaft, wo sich alle behaupten und deshalb andere benutzen müssen. Schenke uns Mut und Demut, auch Schuld zu bekennen, wenn es sein muss, und um Vergebung zu bitten. Vorpfingstlich hungern wir nach dieser Geist-Energie, die wirklich heilig ist und heilt. Sie hilft uns, klar zu entscheiden, woraus und wofür wir leben wollen. Sie setzt ihrerseits Energie und Leidenschaft frei für das Gute. „Dring bis auf der Seele Grund“ – heißt es im Lied. Also lass uns konsequent werden. Erlöse uns von allem Mitläufertum. Mache uns im Hoffen und Beten „gründlich“, im Sinne des Wortes. Herz und Angesicht sollen dabei sein, und es kann ruhig etwas kosten.

Denn:
„Ohne dein lebendig Weh‘n kann im Menschen nichts besteh‘n, kann nichts heil sein und gesund.“

Das ist gewiss eine starke Diagnose: manche werden das bestreiten und nur auf ihren eigenen Geist vertrauen wollen, auf ihre eigene Vernunft und Anstrengung. Aber gerade die sind ja angesprochen. Gottes Geist ersetzt eigenes Bemühen nicht, er hilft vielmehr, die richtigen Möglichkeiten zu erkennen und anzugehen. Natürlich soll man selbst für die eigene Gesundheit sorgen und entsprechend vernünftig leben. Nie ist der Heilige Geist ein Alibi für unser eigenes Nichtstun. Aber das Vertrauen auf sein Wirken setzt eigene Kräfte frei. Realistisch wird darauf verwiesen, dass wir aus uns heraus doch sehr begrenzt sind; wir haben das eigene Leben und auch unsere Gesundheit nicht selbst in der Hand, und wir sind für jeden Fehler gut. Deshalb brauchen wir den Rat und die Begleitung anderer. Nicht zufällig also wird der Heilige Geist der Tröster genannt, der Ratgeber und Lebensbegleiter.

„Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele Grund.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Katharina Becker


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 08.06.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche