Am Sonntagmorgen, 30.06.2019

von Ilke Piepgras aus Berlin

"Meine Freundin, die Nonne.“ Die Geschichte einer Freundschaft

Mächtig wie eine Flutwelle rollen die Stimmen durch die Kirche. Wie männlich und rau sie klingen - ganz anders als der Gesang, der mir aus dem Gottesdienst zu Hause vertraut ist.

Ich sitze in einer griechischen Klosterkirche und beobachte die Nonnen beim orthodoxen Gottesdienst. Die Schwestern stehen sich in zwei Gruppen gegenüber und singen im Wechsel. Vor mir wirft sich eine Nonne auf den Boden. Flach ausgestreckt, das Gesicht nach unten gewandt, liegt sie in dieser Geste tiefer Demut da. Wegen der Nonne auf dem Boden bin ich jetzt in Griechenland. Früher, vor vielen Jahren, hieß sie einmal Charlotte und war Protestantin.

Als junge Mädchen waren Charlotte und ich beste Freundinnen. Mit Anfang zwanzig trennten sich unsere Wege. Sie studierte damals Kunst und begegnete während eines Studienaufenthaltes in Griechenland einem Priestermönch vom Berg Athos. Charlotte war so tief beeindruckt von dem Geistlichen und von der orthodoxen Liturgie, dass sie ihr Leben rigoros änderte. Binnen kürzester Zeit zog sie nach Griechenland, ließ sich orthodox taufen und wurde Nonne. Nebenbei lernte sie Griechisch, studierte Theologie und baute ein Kloster auf, zu deren Äbtissin man sie wählte. Da war sie 31 Jahre alt – die jüngste und einzige deutsche Äbtissin Griechenlands.

Zwanzig Jahre lang habe ich meine Freundin nicht gesehen. So lange fehlte mir der Mut für die Reise, auf die ich mich jetzt - als berufstätige Mutter mit Mitte vierzig - begeben habe. Als Charlotte radikal mit ihrem Leben brach, studierte ich in München Politik. Ich wollte Journalistin werden und die Welt verändern. Dass ausgerechnet meine Freundin dieser Welt den Rücken kehrte, fand ich verstörend. Ohne Not kappte sie die Wurzeln zu ihrem intakten protestantischen Elternhaus und die Verbindung zu ihren Freunden. Von ihrem rigorosen Entschluss, Nonne zu werden, erfuhr ich indirekt über unsere Mütter, die miteinander befreundet sind. Von Charlotte erhielt ich irgendwann, es muss Ende der Achtziger Jahre gewesen sein, eine Postkarte.

„Liebe Ilka - Christus ist auferstanden“ …

… begann die Karte, in der meine Freundin ihre Sehnsucht beschrieb, ihrer tiefen Liebe zu folgen – der Liebe zu Christus.

Damals fand ich den Gedanken, meine alte Freundin Charlotte als Nonne Diodora zu sehen, abstoßend. Ich dachte: Wer in ein Kloster geht, ist im richtigen Leben gescheitert. Nur schwache Frauen gehen ins Kloster, so die Klischeevorstellung in meinem Kopf. Schlichte Gemüter, die das Glaubensbekenntnis zur Grundlage ihres Lebens machen, weil sie sonst nicht viel haben. Nur – Charlotte war weder ein schlichtes Gemüt noch ein graues Mäuschen. Sie war von der Sorte, der alles zufliegt. Ein Gewinnertyp. Die Jungs buhlten um ihre Aufmerksamkeit und die Mädchen wollten sein wie sie: Klug, zielstrebig und schön.

Wir hatten uns als Zehnjährige in der Schule kennengelernt und blieben jahrelang unzertrennlich. Wir ergänzten uns durch Gegensätze: Ich hatte Ideen und Charlotte führte sie aus. Ich war burschikos und ungelenk - sie zart und voller Anmut. Anfangs gründete unsere Freundschaft vor allem auf gemeinsamen Aktivitäten. Wir gingen gemeinsam in Turnverein und Schwimmclub, machten Ballett und tauschten Aufkleber. Später, in den Teenagerjahren, mischte sich ein bisschen Wettbewerb in unsere Freundschaft. Wer war in der Schule besser in Englisch? Und wer bekam beim Abschlussball den attraktiveren Tanzpartner? Nichts blieb unbemerkt zwischen uns. Indirekt spornten wir einander an und verglichen uns.

All die Jahre, in denen ich meine Freundin nicht sah, hat mich die Kompromisslosigkeit fasziniert, mit der sie sich von ihrem alten Leben gelöst hat. Woher nahm sie die Kraft für diese existentielle Entscheidung? Was sie gefunden hat, muss wahrhaft groß sein. Was ist es, das sie so stark gemacht hat, dass sie drastisch mit ihrem alten Leben bricht? Um das herauszufinden, bin ich zu meiner Freundin ins Kloster gereist.

Es ist fünf Uhr am Nachmittag und meine Freundin hat bereits einen Zwölfstundentag hinter sich.   Jetzt sitzen wir uns auf weißen Plastikstühlen gegenüber und haben Zeit für ein Gespräch. Am Horizont malt die untergehende Sonne einen hellrosa Rand über die ansteigenden Berge. Irgendwo da hinten liegen die Meteoraklöster. Es sind mythische Orte, deren Abgeschiedenheit Charlotte als Novizin mehrfach suchte, um sich in die Orthodoxie zu versenken.

Wie Diodora in der Abendsonne sitzt, kerzengerade wie eine Primaballerina, ruft sie für einen Augenblick die Freundin aus Kindertagen in Erinnerung. Charlotte besaß schon als Kind etwas Bestimmendes. Sie wurde gewissermaßen als Respektsperson geboren. Damals trug sie die verwaschenen Jeans ihrer älteren Brüder, heute verhüllt ein bodenlanges schwarzes Gewand ihre schlanke Figur. Ein eng anliegender Schleier rahmt ihr Gesicht. Und sie strahlt so viel Würde aus. Mich interessiert vor allem das Mystische ihres Lebens. Ich möchte sie so gern in ihrem tiefsten Innern verstehen. Im Umgang miteinander sind wir erstaunlich vertraut. Wenn man sich einmal so verbunden war wie wir als Kinder, hält die Nähe offenbar ein Leben lang.

Warum bist du Nonne geworden und ins Kloster gegangen?

Im Kloster habe ich etwas gefunden, das weit über den Erfolg und das Materielle hinausgeht. Etwas, das Wahrheit und Ewigkeit verheißt. Ich bin Nonne geworden, um meinem Leben einen Sinn zu geben, der mit Ewigkeit zu tun hat. Klöster bieten die intensivste Form geistigen Lebens. Es ist das kompromissloseste Leben und es führt zu größtmöglicher Freiheit. Unser Ziel ist die Theosis – die Vereinigung mit Gott. Wir wollen fliegen lernen. Unsere Vorbilder sind die Engel.

Wie soll das funktionieren?

Mit unaufhörlicher geistiger Arbeit. Jeden Tag säubern wir unsere Herzen. Graben nach Ängsten, Aggressionen, Neid, Nervosität und all diesen Dingen. Wenn wir es schaffen, vor unserem Tod unser Herz zu säubern, können wir auch anderen ein Licht auf ihrem Weg sein.

Warum bist Du ausgerechnet bei der Orthodoxie gelandet? Warum nicht, sagen wir, Benediktinerin in einem Kloster in Süddeutschland geworden?

Wir Orthodoxen ringen täglich um Gott, jeden Tag aufs Neue. Glauben und Leben sind eins, sie gehen ineinander über. In der Orthodoxie habe ich in viel intensiverer und lebendigerer Form gefunden, was meine Eltern mir in Ansätzen mitgegeben haben.

Meine Freundin erlebte ihre erste orthodoxe Liturgie in einem griechischen Frauenkloster, das sie als Kunststudentin besuchte. Rückblickend erinnert sie sich an die Wucht des Gottesdienstes, dem sie frühmorgens in einer nur von Kerzen beleuchteten Kapelle beiwohnte. 

 Als die Schwestern zu singen begannen, sind mir Tränen übers Gesicht gelaufen und ich habe erst Stunden später aufgehört zu weinen, als der letzte Ton der byzantinischen Gesänge verklungen ist. In diesen Stunden ist mein Leben wie ein Film vor mir abgelaufen und ich wusste plötzlich genau, wovon ich mich trennen und was ich vertiefen will.

Im Innersten berührt von der Sinnlichkeit der orthodoxen Liturgie, stellte die damals 23jährige Charlotte ihr Lebenskonzept als Künstlerin in Frage. Sie spürte instinktiv, dass ihre Suche nach absoluter Wahrheit nicht über die Kunst zum Ziel führen würde, sondern über den Glauben. Ohnehin fühlte sie sich fremd an der Kunsthochschule, wo ihre bodenständige, natürliche Art mit dem Drang zur Selbstdarstellung anderer Studenten kollidierte. Anders als ihre Kommilitonen fand Charlotte keine Form, um sich auszudrücken. Gleichzeitig verlangte ihr wacher Geist nach Herausforderung. Im monastischen Leben sah sie ihre Sehnsucht erfüllt. Hier würde sie verwirklichen können, was sie sich eigentlich von der Kunst erhoffte: zum Kern der menschlichen Existenz vorzudringen.

Auch mich zieht es beim Besuch im Kloster immer wieder in die Kirche. Der seltsam disharmonische Gesang klingt klagend und jubelnd zugleich. Er hilft mir mehr als alle Gespräche, mich mit der fernen, dunklen, orthodoxen Welt von Diodora anzufreunden. Anfangs überwiegt Skepsis. Misstrauisch beobachte ich, wie sich die Schwestern andächtig vor den Ikonen verneigen und jedes einzelne Heiligenbild küssen. Die Rituale sind mir fremd. Ich frage mich, wie ich ausgerechnet hier gelandet bin. Was, um Himmels willen, hat mich in diese abgelegene griechische Kirche verschlagen? Ich will nicht fromm werden und suche keine Bekehrung. Aber vielleicht kann ich mir etwas Hilfreiches abgucken für mein Leben. Eine Haltung, die ich übertragen kann auf die profanen Dinge des Lebens.

Mein Leben ist ein dichtes Geflecht aus Menschen, Aufgaben, Beziehungen. Es sind kostbare Menschen, interessante Aufgaben, wertvolle Beziehungen. Doch wie kann ich in diesem Geflecht leben, ohne mich zu verheddern? Vielleicht reicht es schon aus, das Leben zu vereinfachen. Sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Inmitten aller Zerstreuungen gesammelt zu bleiben. Hier, im Kloster, machen sie mir vor, wie das geht.

Lange Zeit war Religiosität eine Leerstelle in meinem Leben. Manchmal dachte ich darüber nach, aus der Kirche auszutreten, blieb aber Mitglied, weil ich instinktiv spürte, mit dem Thema noch nicht abgeschlossen zu haben. Als Kind spielte der „liebe Gott“ für mich die Rolle einer diffusen Schutzmacht, doch als Teenager habe ich dieses Grundvertrauen verloren. Irgendwann hörte ich auf zu beten und besuchte immer seltener einen Gottesdienst. Doch je seltener ich in die Kirche ging, umso mehr wuchs mein Unbehagen am Gottesdienst. Ich fühlte mich fremd und unbeteiligt. Gleichzeitig übten die Kirchen eine große Faszination auf mich aus – ich war jedes Mal ergriffen, wenn ich ein Gotteshaus betrat. Das Erhabene dieser Gebäude sprach mich stark an, ebenso die Schönheit und der heilige Ernst sakral inspirierter Kunst und Musik. Immer wieder schnürte mir die Atmosphäre in Kirchen die Kehle zu.  Immer wieder war ich tief berührt von dieser besonderen Atmosphäre.  Das irritierte mich, denn offenbar sprang ich tief im Innern auf etwas an. Aber worauf?

Erst die Ankunft meiner Kinder hat Bewegung in die Sache gebracht. Ich bin mit 38 Jahren Mutter von Zwillingen geworden, bin eine dieser späten Mütter meiner Generation. Mit den Kindern stellen sich existentielle Fragen drängender als je zuvor. Fragen nach Unsterblichkeit und der Gegenwart Gottes. Was ist der Sinn des Lebens? Meine Freundin beantwortet diese Frage so:

Der Sinn ist die Vorbereitung auf das nächste Leben. Eigentlich haben wir uns schon frühzeitig ins Grab versetzt, das sieht man ja auch an unserer schwarzen Kleidung. Den Tod vor Augen zu haben, relativiert die Bedeutung von Materiellem. Wir Nonnen haben alles hergegeben, was man sich in Form von Gütern, Macht und Anerkennung vorstellen kann. Alles, was wir jetzt bekommen, ist unerwartet und geschenkt.

Sätze wie diese klingen noch heute, lange nach meinem Besuch im Kloster, in mir nach. Meine nüchterne Sicht auf  die Welt ist gehörig ins Wanken gekommen. Bislang habe ich mir elementare Glaubensfragen mit Metaphern und Symbolen erklärt und mich am Sichtbaren orientiert. Meine Sehnsucht nach Spiritualität ist mit meiner Rationalität kollidiert. Doch in Griechenland, in der Kirche meiner Freundin, ist mir bewusst geworden, wie stark Religiosität Praxis braucht. Im Gegensatz zum Protestantismus besteht in der orthodoxen Welt keine grundsätzliche Trennung zwischen dem Sakralen und Profanen, dem Ewigen und Vorläufigen, dem Himmlischen und Irdischen. Die Gegensätze zwischen Natürlichem und Übernatürlichem werden aufgehoben. Der orthodoxe Gottesdienst lebt von der ständigen, zweifelsfreien, real gefühlten Gegenwart Jesu – und in Griechenland konnte ich mich dieser Gegenwart nur mehr schwer entziehen. Mir ist klar geworden, dass Glaube vorrangig eine Frage der religiösen Übung und der Gemeinschaft ist. Man kommt nicht weit, wenn man sich auf eine rein persönliche Zwiesprache zurückzieht. Glaube braucht Bekenntnis und gemeinschaftliches Erlebnis, an Gottesdienst und Gebet kommt niemand, der es ernst meint, vorbei. 

Meine alte Freundin habe ich in Griechenland nicht wieder gefunden, dafür aber eine neue gewonnen. Wir halten Kontakt über Emails und gelegentliche Telefonate. Im Alltag wandern meine Gedanken oft zu den Schwestern. Das Kloster ist eine feste Größe in meinem Leben geworden – ein wichtiger Ort, den ich in Zukunft immer wieder besuchen will. Kurz vor unserem Abschied in Griechenland habe ich meine Freundin gefragt, welchen Rat sie mir mit auf den Weg gibt. Ihre Antwort lautete: 

Immer weitersuchen! Schau, was dir gut tut und vertiefe das. Treibe nichts mit Gewalt und purem Willen voran, sondern erspüre. Und versuche vor allen Dingen nichts zu sein, das Du nicht bist.

Vergangenen Sonntag haben wir die Erstkommunion unserer Kinder gefeiert. Die Zwillinge wachsen katholisch auf – katholisch wie die Familie meines Mannes. Anders als ich selbst sollen sie von klein auf mit Gottesdienst und Gebet vertraut gemacht werden. „Ich glaube an Gott und an Jesus, aber nicht an den Osterhasen“, hat mein Sohn neulich gesagt und damit als Achtjähriger bereits Wesentliches erkannt. Für mich war die Kommunion ein sehr glücklicher Moment.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 30.06.2019 gesendet.




Ilka Piepgras, Jahrgang 1964, ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie studierte in München Politische Wissenschaften und begann 1991 als Reporterin bei der "Berliner Zeitung" zu arbeiten. Nach einem Studienjahr in Harvard wechselte sie 1999 zur deutschen Ausgabe der "Financial Times Deutschland", wo sie die Buchseiten in der Weekend-Beilage betreute. Heute ist sie Redakteurin und Autorin beim ZEITmagazin. 2008 wurde Ilka Piepgras für ihre Reportage „Meine Freundin, die Nonne“ mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnet,  2010 veröffentlichte sie unter dem gleichen Titel ein erzählendes Sachbuch. 2017 folgte „Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr“.   Kontakt:  piepgras@zeit.de

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