Am Sonntagmorgen, 23.06.2019

von Dipl. Theol Dipl. Mus. Dr. Dorothee Bauer aus Wien

Klang gewordene Theologie. Wie der Komponist Olivier Messiaen die Eucharistie vertont

Vor drei Tagen haben wir Fronleichnam gefeiert. Früher gehörte das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, wie es in der Kirchensprache heißt, zu den wichtigsten Festen im Kirchenjahr. Heute zieht es meist sang- und klanglos an uns vorüber. Bekannt ist Fronleichnam oft nur, weil es in einigen Bundesländern ein Feiertag ist und wegen der schönen, bunten Blumenteppiche und der Prozessionen mit Blaskapellen. Zugegeben: Auch Katholiken tun sich bisweilen schwer mit einem Fest, das vom Brauchtum dermaßen stark in Beschlag genommen wurde. Leicht gerät aus dem Blick, worum es eigentlich geht: nämlich um die Zusage, dass Gott – so die Überzeugung der Katholikinnen und Katholiken – in jeder Eucharistiefeier mitten unter den Menschen ist. An Fronleichnam feiern sie, dass Christus in der Eucharistie, genauer in den Gestalten von Brot und Wein, bleibend gegenwärtig ist.

Keinerlei Berührungsängste mit dem Festinhalt von Fronleichnam hatte jedenfalls der französische Komponist Olivier Messiaen, der sich durch die Musik dem Geheimnis der Eucharistie annähert. Schon in seiner Kindheit fühlte sich der Sohn einer Dichterin und eines Shakespeare-Übersetzers zu den Texten der Heiligen Schrift hingezogen. Er war fasziniert von der Welt des Wunderbaren und Phantastischen und verschlang Mythen und Märchen, aber auch biblische Geschichten. Seine Begeisterung für den katholischen Glauben ließ Messiaen zeitlebens nicht mehr los. Es war geradezu seine Mission, durch die Musik die christliche Glaubensbotschaft zum Klingen zu bringen. Dafür entwickelte Messiaen, der heute zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt, eine ganz eigenwillige und ideenreiche Musiksprache, die gregorianische Melodien, indische Rhythmen und sogar die Gesänge von Vögeln einbezieht.  Eucharistie feierte der in Paris lebende Komponist regelmäßig in der berühmten Kirche Sainte Trinité, wo er über 60 Jahre lang auf der Orgel die Gottesdienste begleitete. Besonders liebte er dabei das Improvisieren:

„In diesem Moment bin ich eng mit dem verbunden, was sich am Altar ereignet, beinahe wie ein Priester. […] Das Heiligste Sakrament ist hier gegenwärtig, während ich improvisiere, und ich weiß, dass das, was ich unter diesen Umständen zuwege bringe, besser ist als im Konzert.“[1]

Aus einer Improvisation während eines Gründonnerstagsgottesdienstes entstand sein letztes großes Orgelwerk, komponiert im Jahr 1984. Es trägt den Titel „Livre du Saint Sacrement“ – zu Deutsch: „Buch über das Heilige Sakrament“. In achtzehn Sätzen spürt Messiaen darin dem Geheimnis der verborgenen Gegenwart Christi unter Brot und Wein nach. Jeder Satz ist inspiriert durch eines oder mehrere Zitate, zum Beispiel aus der Heiligen Schrift oder den eucharistischen Hymnen des Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Es ist faszinierend, wie Messiaen zentrale eucharistietheologische Aussagen in Klänge fasst. Vor allem aber verdichten sich in der Musik sein Glaube und seine tiefe Spiritualität.

„Das Livre du Saint Sacrement, mein letztes Orgelwerk, hat eine Aufführungsdauer von zwei Stunden. Das ist sehr lang und auf den ersten Blick kann das unverhältnismäßig erscheinen. Ein Werk in achtzehn Sätzen zu Ehren des heiligen Sakramentes, das ist ein Glaubensbekenntnis an die reale Gegenwart Christi in der Hostie!“[2]

Es scheint Messiaen ein Herzensanliegen gewesen zu sein, am Ende seiner Komponistenkarriere der Eucharistie ein klingendes Denkmal zu setzen. Was aber kann uns diese Musik verraten über ein Glaubensgeheimnis, das so schwer in Worte zu fassen ist?

Zunächst einmal: In der Eucharistie geht es nicht um eine leblose Sache, um ein kleines Stückchen Brot, sondern um eine lebendige Person: Jesus Christus ist hier gegenwärtig, und zwar mit seiner ganzen Geschichte. Sieben Sätze des Livre du Saint Sacrement handeln daher vom Leben Jesu: von der Geburt in Betlehem, seinen Worten und Taten und von seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. Messiaens Ziel war es, die Szenen aus dem Leben Jesu so anschaulich wie möglich zu vertonen. Inspiration fand er während einer Reise nach Israel. Genau genommen ging es Messiaen bei seinem Aufenthalt im Heiligen Land vor allem darum, wie er sagt, „dieselben Vögel zu hören, die Christus gehört haben könnte.“[3] Dazu muss man wissen: Vogelstimmen zu sammeln, war die große Leidenschaft des Komponisten, der in den Bergen von Grenoble aufgewachsen war und sich als „Franzosen der Berge“ bezeichnete. Mit Aufnahmegerät und Notizblock ausgestattet, streifte der passionierte Ornithologe durch Wiesen und Wälder, ja sogar bis in die entlegensten Teile der Welt, um Vogelgesänge einzufangen und sie dann kunstvoll in seiner Musik wiederzugeben.

So tritt zum Beispiel eine Nachtigall in dem Satz über das letzte Abendmahl im Livre du Saint Sacrement auf. Messiaen geht dabei zum Gründungsereignis der Eucharistiefeier zurück: Jesus hat sich mit seinen Freunden zu einem letzten gemeinsamen Mahl vor seinem Tod versammelt. Er spricht die wirkmächtigen Worte über Brot und Wein, die auch heute bei der Wandlung gesprochen werden: „Dies ist mein Leib. Dies ist mein Blut“. Auf die Stimme Jesu folgt der Gesang der Nachtigall, der, so Messiaen, „durch das geöffnete Fenster“ des Abendmahlssaals dringt. Allein die Nachtigall, die größte Gesangskünstlerin unter den Vögeln, die außerdem symbolisch für Liebe, Tod und Abschied steht, vermag die wunderwirkenden Worte Jesu zu kommentieren. Lassen auch Sie sich von Messiaen einladen, lauschend am Abendmahlstisch Platz zu nehmen.

Musik 1: Livre du Saint Sacrement, Satz 8: Institution de l’Eucharistie

Am kunstvollsten singen die Vögel in dem Satz, der den Kommunionempfang wiedergibt: Das Stück ist ein einziges Vogelkonzert, musiziert von den drei Vögeln Graubülbül, Tristramstar und Weißkehlsänger. Der Moment, in dem der Gläubige Christus in der Kommunion begegnet, scheint Messiaen zu kostbar, zu intim gewesen zu sein, um ihn mit seiner eigenen musikalischen Sprache zu kommentieren. Es gehört zu seiner spirituellen Grundmelodie: Wo immer ihm als Komponisten die Worte versagen, lässt er seine gefiederten Freunde sprechen, die er liebevoll „unsere kleinen Boten der immateriellen Freude“[4] nannte. Ihr Gesang war für ihn: „freie, anonyme Musik, improvisiert aus Freude“[5]. Angesichts eines derartigen Freudenausbruchs darf man sich ruhig fragen, ob den Christen heute die Freude an der Eucharistie, die wesentlich zu Fronleichnam gehört, nicht ein wenig abgeht.

Messiaen ist aber nicht nur ein Musiker der Freude, sondern auch ein Musiker der Farben. Nicht umsonst trug der Komponist mit Vorliebe einen grob gestrickten, violett-orange-grün-gestreiften Schal. Dass die Farben in seiner Musik eine wichtige Rolle spielen, hat mit einer besonderen Fähigkeit zu tun:

„Wenn ich Musik höre, sehe ich dabei entsprechende Farben. [...] Es handelt sich um ein inneres Sehen, um ein Auge des Geistes. Es sind wunderbare, unaussprechliche, außerordentlich verschiedene Farben. Wie die Töne sich regen, verändern, sich bewegen, so bewegen sich diese Farben mit ihnen in fortwährenden Verwandlungen.“[6]

Um die Glaubensbotschaft in strahlenden, leuchtenden Farben zum Klingen zu bringen, zückt Messiaen sozusagen seinen ganzen kompositorischen Tuschkasten. In allen Farb-Tönen und Klang-Farben kommt das Mysterium der Eucharistie zu Gehör. Was fleißige Hände zu Fronleichnam mit durchkomponierten Blumenteppichen und Blumen geschmückten Altären schaffen, kreiert Messiaen mit Tönen: Er breitet vor dem Allerheiligsten einen farbigen Teppich aus Klängen aus.

Über den Satz, der die Auferstehung Christi wiedergibt, schreibt er zum Beispiel:

„Christus erhebt sich plötzlich, in der ganzen Kraft seiner Herrlichkeit, im Fortissimo der Orgel und mit leuchtenden Akkorden, in denen alle Regenbogenfarben strahlen.“[7]

Gerade mit dem Regenbogen vergleicht Messiaen seine Musik: Alle Farben dieses Himmelszeichens, das auch für die Verbundenheit zwischen Gott und Mensch steht, scheinen in seiner Musik auf. Oder, mit einem anderen Bild gesprochen: Messiaens Musik ist wie ein lichtdurchflutetes Glasfenster einer gotischen Kathedrale. Als Messiaen im Alter von 10 Jahren zum ersten Mal die Sainte Chapelle in Paris besuchte, die ganz aus bunten Glasfenstern besteht, war er völlig überwältigt von der Farbenpracht der mittelalterlichen Glasfenster. Und das ist auch das geheime Ziel seiner farbigen Musik:

„Die Musik der Farben macht das, was die Glasfenster und Rosetten des Mittelalters tun: sie beschert uns das Überwältigtsein.“[8]

Es ist nicht so wichtig, ob man beim Hören Farben sehen kann oder nicht. Mit seiner Regenbogenmusik oder Kirchenfenstermusik möchte Messiaen vor allem eines: seine Hörer staunend machen, überwältigen, sie innerlich berühren und so für Gott öffnen.

Besonders farbig ist der Satz, der das Gebet nach dem Kommunionempfang ausdrückt: Wie Pastellfarben fließen die Akkorde dieses Satzes ineinander über. Der ruhige, meditative Charakter der Musik lässt ein wortloses Gebet erahnen, das in aller Einfachheit aus dem Herzen kommt.

Musik 2: Livre du Saint Sacrement, 16. Satz: Prière après la communion

Das Gebet spielt eine wichtige Rolle im Livre du Saint Sacrement. Erstaunlich war die Reaktion des Komponisten, als er sein Werk zum ersten Mal hörte.

Die Organistin Almut Rößler, die das Werk am 1. Juli 1986 in Detroit in den USA uraufgeführt hat, berichtete mir von der eigentümlichen Atmosphäre des Konzertes, das zweimal wegen technischer Probleme der Orgel unterbrochen werden musste:

„Es war Sommer und unglaublich heiß, beinahe 40 Grad. Es gab eine lange, sehr amerikanische Pause mit vielen Getränken, man quatschte wie verrückt. Das war irgendwie sehr ernüchternd für mich. Dann kamen die Leute wieder und es ging weiter. Es gab einen wirklich großen Beifall, die Amerikaner waren sehr begeistert. Ich habe mich dann mit Messiaen auf der Mitte der Empore getroffen, Messiaens Gesicht war ernst, wie benommen.
Einer musste ja lächeln… Also fragte ich ihn, was denn los sei, so schlecht war’s doch nicht. Er sagte zu mir: ,Das ist ein Stück, das sollte man nicht vor vielen Menschen spielen, das sollte man nachts spielen, wenn man ganz alleine mit Gott ist.‘“

Auch wenn die Musik des Livre du Saint Sacrement höchst virtuose Passagen enthält und die Hörer beeindrucken will, so ist sie doch vor allem ein ganz intimes, persönliches Glaubenszeugnis eines Komponisten, der selbst berührt war. Messiaen spricht nicht nur über Christus in der Eucharistie – er spricht zu Christus. Die Musik betet.

Musik 3: Livre du Saint Sacrement, 1. Satz: Adoro Te

Schon das Eröffnungsstück des Livre du Saint Sacrement nimmt Bezug auf ein Gebet von Thomas von Aquin: „Ich bete dich an, verborgene Gottheit“. Undurchdringlich, vielstimmig und voll geheimnisvoller Ausstrahlung kommen die ersten Klänge aus der Tiefe. Intuitiv wird klar: Bei der Eucharistie geht es um ein letztlich unbegreifbares Glaubensgeheimnis. Für Almut Rößler, die Organistin, klingt der erste Satz wie eine „abgedunkelte Ikone“. Ich stelle mir vor, wie bei Kerzenschein jemand im Gebet versunken vor Christus kniet. Die Musik ist wie ein klingendes Gebet, eine Verneigung vor dem unsichtbar gegenwärtigen Christus. Sie ist eine Einladung, innezuhalten und sich anrühren zu lassen von dem

Schon das Eröffnungsstück des Livre du Saint Sacrement nimmt Bezug auf ein Gebet von Thomas von Aquin: „Ich bete dich an, verborgene Gottheit“. Undurchdringlich, vielstimmig und voll geheimnisvoller Ausstrahlung kommen die ersten Klänge aus der Tiefe. Intuitiv wird klar: Bei der Eucharistie geht es um ein letztlich unbegreifbares Glaubensgeheimnis. Für Almut Rößler, die Organistin, klingt der erste Satz wie eine „abgedunkelte Ikone“. Ich stelle mir vor, wie bei Kerzenschein jemand im Gebet versunken vor Christus kniet. Die Musik ist wie ein klingendes Gebet, eine Verneigung vor dem unsichtbar gegenwärtigen Christus. Sie ist eine Einladung, innezuhalten und sich anrühren zu lassen von dem Geheimnis, dass der lebendige Gott uns in der Eucharistie ganz nahe ist.


[1] Jean-Rodolphe Kars, Das Werk Olivier Messiaens und die katholische Liturgie, in: Schlee, Thomas D. / Kämper, Dietrich (Hg.), Olivier Messiaen. La Citécéleste – Das himmlische Jerusalem. Über Leben und Werk des französischen Komponisten, Köln 1998, 12-20, hier 14.

[2] Brigitte Massin, Olivier Messiaen. Une poétique du merveilleux, Aix-en-Provence 1989, 74.

[3]Olivier Messiaen, Traité de rythme, de couleur et d’ornithologie. Bd. 5/2: Chants d’oiseaux extra-européens, Paris 2000, 440.

[4] Messiaen, Olivier, Technik meiner musikalischen Sprache. Übers. von Sieglinde Ahrens. Bd. 1, Paris 1966, 32.

[5] Bernard Gavoty, Who are you, Olivier Messiaen?, in: Tempo 58 (1961) 33-36, hier 35.

[6] Almut Rößler (Hg.), Beiträge zur geistigen Welt Olivier Messiaens. Mit Original-Texten des Komponisten, Duisburg 21993, 44.

[7] Olivier Messiaen, Livre du Saint Sacrement pour Orgue, Paris 1989.

[8] Almut Rößler (Hg.), Beiträge zur geistigen Welt Olivier Messiaens. Mit Original-Texten des Komponisten, Duisburg 21993, 70.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2019 gesendet.




Dipl. Theol Dipl. Mus. Dr. Dorothee Bauer wurde 1983 geboren und wuchs in Konstanz auf. Sie studierte Musik (Violoncello) und Theologie in Freiburg und Wien. 2014 promovierte sie über Olivier Messiaens „Livre du Saint Sacrement“ bei Prof. Jan-Heiner Tück an der Universität Wien. Derzeit ist sie im Erzbischöflichen Sekretariat bei Kardinal Schönborn tätig und widmet sich freiberuflich der Musik. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Kontakt:  Dorotheebauer@t-online.de

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