Pfingsten

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Marien, Berlin-Wilmersdorf


Predigt von Dekan Frank-Michael Scheele aus Berlin

An Pfingsten sind die Geschenke am geringsten“, sagt ein Sprichwort. Am geringsten ist vermutlich noch übertrieben – die meisten von uns gehen diesbezüglich wohl leer aus. Wir sehen daran, dass der Stellenwert dieses Festes, trotz gleich zweier Feiertage, eher am unteren Ende der Skala angesiedelt ist. Das gilt leider nicht nur für die Gesellschaft insgesamt, sondern gerade auch für viele Christen, die mit diesem Fest nicht viel anfangen können.  Das niedliche Jesuskind zu Weihnachten rührt fast jeden an; selbst Un- oder Andersgläubige beteiligen sich nur zu gerne an den vielen Bräuchen dazu. Das gilt, wenn auch in geringerem Maße, ebenso für das kirchlich bedeutendste Fest der Auferstehung Jesu zu Ostern. Nun ist Auferstehung ja auch nicht leicht zu begreifen – aber Pfingsten? Nun gut, es geht um den Heiligen Geist, das klingt schon weniger greifbar als Geburt und Tod, als Familie und Schöpfung. Einen Geist, das weiß jeder, kann man eben nicht sehen. Allenfalls erahnen wir etwas davon – wir kennen alle den guten Geist der in Familien, in Gruppen von Menschen herrschen kann, wenn wir das Gefühl eines guten, harmonischen Miteinanders haben. Mir geht es oft so, dass ich beim Betreten von Krankenhäusern oder Pflegeheimen nach einem guten Geist suche – und leider nicht immer fündig werde.

In der Lesung aus der Apostelgeschichte wird uns ist in sehr bildhafter Sprache vom Pfingstwunder erzählt. Zuerst einmal muss ein heftiger Sturm all das wegwehen, was den Blick auf Gott bisher verstellt: die Trauer und Furcht, das Alte und Vergangene, das die Jünger noch beschäftigt. Dann kommt in Feuerzungen Gottes Geist auf sie herab. Und er gibt ihnen eine neue Sicht, eine neue Wirklichkeit ins Herz. Das Wort „Geist“ steckt ja in dem Begriff Begeisterung. Die Jünger haben plötzlich Mut und Zuversicht, sie trauen sich jetzt, den Menschen vor ihrer Tür die Frohe Botschaft, das Evangelium zu verkünden – weil sie nun von Gott, vom auferweckten Jesus begeistert sind.

In der Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth haben wir davon gehört, dass der Heilige Geist viele verschiedene Gaben schenkt, Kräfte wirkt und Dienste wachsen lässt. Wir sollen das, was Gottes Geist uns, mir ganz persönlich gibt, entdecken und dann auch in die Gemeinschaft einbringen. Dann darf ich auch nicht mehr sagen: Die Kirche, die Gemeinde müsste dies oder das tun, sondern zuerst fragen, was ich als Christ tun kann. Dabei sind wir beileibe nicht auf uns allein gestellt – Gottes Geist hilft uns, den richtigen Ton im Verhältnis zu unseren Mitmenschen zu finden: das Wort der Vergebung, des Trostes, der Hoffnung, des Mutmachens und manchmal vielleicht auch der Mahnung.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Hörerinnen und Hörer, wir erleben in diesen Tagen eine nie dagewesene Skepsis gegenüber allem, was mit Kirche zu tun hat. Diese in weiten Teilen durch Machtmissbrauch Einzelner und deren Vertuschung durch kirchliche Autoritäten selbst verursachte Krise führt bei manchen dazu, dass sie zwar an Jesus als ihrem Heiland festhalten, aber die Notwendigkeit der Kirche stark in Zweifel ziehen. An Tagen wie diesen empfinde ich das als besonders schmerzlich, denn Pfingsten wird ja seit alters her als Gründungstag, ja als Initialzündung von Kirche verstanden. Und nun soll, wie manche meinen oder hoffen, die Kirche von allen guten Geistern verlassen sein? Auf die Frevler in ihren Reihen trifft das gewiss zu, aber auf die Kirche als Ganzes?  Das vermag ich nicht zu glauben. Eher scheint es mir so zu sein, wie es der Hl. Oscar Romero formuliert hat: Wenn viele Menschen sich bereits von der Kirche entfernt haben, dann ist das darauf zurückzuführen, das sich die Kirche zu weit von der Menschheit entfernt hat. Hier müssen wir ansetzen, ohne Angst und falsche Rücksichtnahme. Denn es ist doch so, dass die einen eine radikale Kehrtwende und Anpassung an die heutige Zeit wollen, anderen geht der Wettlauf mit dem Zeit-Geist schon heute zu weit. In diesem gefühlten Dilemma schenkt uns Jesus Trost und Hoffnung. Das tat er schon damals, wir haben es gerade im Johannes Evangelium gehört. Johannes nennt den Heiligen Geist Paraklet; das griechische Wort heißt übersetzt der Herbeigerufene, lateinisch advocatus. Es bedeutet Beistand, Tröster, Fürsprecher, Anwalt aber auch Erklärer.

Dieser Beistand, davon bin ich überzeugt, ist weiterhin unter uns, so wie er unter den Jüngern Jesu war. Ohne diesen Heiligen Geist gäbe es keine Kirche. Wie und wo erkennen wir nun den Geist, möglichst den Geist, der in der Kirche wirkt? Der Apostel Paulus gibt uns eine mögliche Antwort, wenn er sagt, dass der Geist Charismen schenkt. Ein Charisma als solches zu erkennen bedeutet, dass es eine Gabe, eine Fähigkeit, ja ein Dienst sein soll, der anderen nützt. Eine Kirche, die niemandem nützt, wäre geistlos und damit nutzlos. Liebe Christgläubige, liebe Hörerinnen und Hörer, der frühere Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras, hat es treffend formuliert, als er sagte, „ohne den Hl. Geist ist die Kirche ein bloßer Verein, das Amt eine Herrschaftsform, die Mission Propaganda, die Liturgie eine Geisterbeschwörung. Wünschen wir dem Geburtstagskind Kirche viel Heiligen Geist, besonders für alle kranken und altersschwachen Menschen, für alle die sich gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens sehen. Wenden wir zuversichtlich den Ausspruch des Athenagoras ins Positive und sagen: Mit ihm, dem Geist, ist Gott nah, lebt Christus mitten unter der Gemeinschaft der Gläubigen, ist Amt Dienst am anderen, Mission die Verkündigung des Reiches Gottes und Liturgie heilige Feier. Ja, ohne den Hl. Geist wäre die Kirche wirklich nur eine Organisation. Wenn ich es so bedenke, bin ich gleich viel zuversichtlicher. Denn vieles von dem, was Kirche und die ihr angeschlossenen Dienste leisten, nützt vielen Menschen. Kitas, Schulen, Krankenhäuser, Jugend- und Senioreneinrichtungen, Caritas, Seelsorge in kritischen Lebensphasen, Trost am Lebensende, endlos könnte ich diese Reihe fortsetzen. Die Kirche braucht also den Heiligen Geist um leben zu können.

Beten wir in dieser Stunde für uns Christen, dass der Geist uns stets Kraft gebe für ein christliches Leben und Handeln aus dem Glauben.

Amen.

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 09.06.2019 gesendet.





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