Christi Himmelfahrt

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Martin, Ober-Olm


Predigt von Pfr. Michael A. Leja aus Ober-Olm

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus macht sich aus dem Staub. Wie betäubt stehen sie da, die Jünger, nachdem Jesus ganz unspektakulär vor ihren Augen verschwindet. Wie in einem unsichtbaren Fahrstuhl fährt er nach oben – ohne himmlische Kohorte, ohne Stimme aus den Wolken, ohne Blitzlichtgewitter, ohne feurige Pferde wie bei Elija. Ein eher bescheidener Auftritt – oder besser gesagt – „Abtritt“, wenn wir dies mit spektakulär inszenierten Inthronisationen wie jüngst in Japan oder Thailand vergleichen. Sprachlos starren die Jünger nach oben und müssen sich endgültig von Jesus verabschieden. Ihr bester Freund und Kopf der Mannschaft verlässt die Weltbühne.

Seine Jünger stehen da wie bestellt und nicht abgeholt. Eigentlich sind sie ja „bestellt“. Jesus hatte ihnen in den letzten drei Jahren immer wieder eingeschärft, dass sie zum Dienst an der Verwirklichung des Reiches Gottes bestellt seien. Dass sie dazu berufen sind, das Evangelium auszubreiten. Klar, wussten die Jünger dies – also theoretisch.

Aber jetzt wird es ernst. Die Jünger spüren hautnah, dass sie nun ganz auf sich allein gestellt sind und sich (im wahrsten Sinne des Wortes) auf dem Boden der Tatsachen befinden. Vielleicht ist ihr Blick nach oben pure Schockstarre: „Ist das wahr?! Lässt Jesus uns etwa im Stich? Gerade jetzt, wo wir ihn so dringend brauchen? Reicht sein dreijähriger Grundkurs etwa dafür aus, um das Reich Gottes auszubreiten? Haben wir das Zeug dazu? Den Mut? Die Kraft? Die Ausdauer? Die theologische Kompetenz? Wie soll das denn ohne ihn bloßweitergehen?“

In der Apostelgeschichte ist die Rede davon, dass Jesus ihren Blicken „entzogen“ wird. Nicht, dass er weg ist. Wir kennen das starke Gefühl, uns über viele Kilometer hinweg mit für uns wichtigen Personen verbunden zu wissen, ohne sie zu sehen oder von ihnen zu hören – in Gedanken, in Gebeten.

Jesus verschwindet nicht sang und klanglos. Bevor er geht, tröstet und segnet er seine Jünger. Eine Form der Ermutigung und Stärkung. Zu viel verraten, was alles auf sie zukommt, will er nicht: Vielleicht auch, um sie nicht unnötig zu beunruhigen: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, […] aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird.“

Ein schwacher Trost, oder? Nicht nur die Jünger müssen die Erfahrung machen, dass sich Gott scheinbar unseren Blicken entzieht. Auch heute fühlen sich manche zeitweise oder ganz von Gott verlassen. Weil er nicht eingreift, wenn wir ihn brauchen. Wenn ein dringendes Gebet nicht erhört wird. Wenn Ungerechtes geschieht. Wenn eine Situation hoffnungslos ist. Wenn ein Kind stirbt. Wenn Katastrophen alles, was Menschen sich aufgebaut haben, auf einen Schlag auslöschen. Wenn wir mit Schicksalen konfrontiert werden und mit vielen offenen Fragen ratlos dastehen.

Natürlich ist Gott kein Automat, der für ein Gebet ausspuckt, was und wann ich will. So funktioniert Gott einfach nicht. Gott mutet uns durchaus einiges zu. Es ist nicht einfach, Schweres zu ertragen. Aber was es heißt, leiden zu müssen und sich von Gott verlassen zu fühlen, weiß auch Jesus ganz genau. Am Kreuz gab es für ihn keinen Ausweg mehr – er hat dies akzeptiert, ohne zu rebellieren.

Gott drängt sich nicht auf. Als sich zwei Jünger nach Jesu Tod auf den Weg nach Emmaus machen, erkennen sie erst nach Stunden, dass Jesus die ganze Zeit bei ihnen ist. Kein Wunder, dass der Rundgang des auferstandenen Herrn nach Ostern mit seinen zahlreichen Erscheinungen und Zeichenhandlungen 40 Tage dauert. Die Jünger und Jüngerinnen erleben nach Ostern zwar, dass der auferstandene Herr bei ihnen ist. Und dennoch ist es für manche von ihnen nur schwer zu glauben.

Hinterher sind wir bekanntlich immer schlauer. Vielleicht erkennen auch wir erst in der Rückschau, auf welche Weise Gott in bestimmten Situationen, wo er so fern schien, doch da war.

Liebe Schwestern und Brüder!
Auf zwei Punkte kommt es also in Bezug auf die Himmelfahrt Jesu hauptsächlich an: die Erhöhung Christi einerseits und der Sendungsauftrag an seine Jünger anderseits.

Jesus wird zur Rechten des Vaters erhöht und somit von Gott selbst auf eine Ebene mit ihm gehoben. Die Aufgabe der Jünger hingegen besteht weiterhin in dieser irdischen Welt. Dafür delegiert Jesus vor seinem Weggang bestimmte Vollmachten an seine Jünger. Sie haben nun die volle Verantwortung für das junge Projekt „Kirche“. Jesus traut seinen Jüngern was zu. Er hat in seine Jünger und auch uns grenzenloses Vertrauen: „Die schaffen das!“ Ein Engel hilft ihnen in ihrer Schockstarre buchstäblich auf die Sprünge: „Ihr Männer von Galiläa – was steht ihr noch rum und schaut zum Himmel empor?“ Mit anderen Worten: „Legt endlich los! Auf euch wartet viel Arbeit!“ Nicht da oben in den Wolken, sondern hier auf Erden.

Die Kirche wächst weltweit – nach wie vor. Manches an Kirche stirbt auch wieder ab. Traditionen, gewachsene Strukturen, kirchliche Formen, Gebäude, Mitglieder und Mitarbeiter, was schmerzlich ist, aber zum Teil auch unvermeidlich.

Die Kirche ist im Umbruch und dies ist völlig normal. Die Jünger Jesu heute, das sind wir, haben nun das Reich Gottes weiter aufzubauen. In den Gemeinden offenbaren sich im konstruktiven Miteinander - wie „Schätze im Acker“ – viele verborgene Kompetenzen und Talente. Daraus können für die Zukunft neue Aufgaben- und Verantwortungsbereiche in unseren Pfarreien entstehen. Ich glaube fest daran, dass es gut wird – Jesus hat es schließlich angefangen.

Vielleicht macht sich Jesus am Himmelfahrtstag wirklich vom Acker – ein Bild für die Kirche, für die wir nun zuständig sind. Oder aus dem Staub – ein Bild für die Verwirrungen, Konflikte und Scherbenhaufen, die immer wieder zusammengekehrt werden müssen. Aber Jesus lässt uns nicht im Stich. Die Jünger mögen zwar im ersten Moment entgeistert dreinblicken, aber „Entgeisterte“, vom Geist Verlassene, sind sie in diesem Sinne keineswegs.

In den Tagen vor Pfingsten dürfen wir wieder besonders auf den vollen Beistand Jesu im Heiligen Geist vertrauen. Aus dieser Kraft heraus können wir als Christinnen und Christen die Zukunft mitgestalten. Denn die Zusage Jesu ist uns gewiss: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“


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Dieser Beitrag wurde am 30.05.2019 gesendet.





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