Am Sonntagmorgen, 02.06.2019

von Pastoralreferentin Dr. Angelika Daiker aus Stuttgart

Hülle und Fülle. Was uns im Leben umhüllt und nährt

Ein Leben in Hülle und Fülle – wer wünscht sich das nicht? Wir assoziieren damit großes Glück, Luxus und Überfluss. Materiell gesehen auf jeden Fall mehr als genug. Die Redewendung „Hülle und Fülle“ stammt aus dem 16. Jahrhundert und hatte ursprünglich eine ganz andere Bedeutung. Mit Hülle und Fülle war keineswegs Überfluss gemeint, im Gegenteil: Wer Hülle und Fülle besaß, hatte das Allernotwendigste zum Leben. Wenn jemand keinen monetären Lohn für seine Arbeit bekam, gab man ihm wenigstens Hülle und Fülle. Das heißt: Kleidung, also eine wärmende Hülle und Nahrung, also einen gefüllten Magen. Das ist schon eine ganze Menge, wenn man Hunger hat und friert.

„Darum so gib mir Füll und Hüll, nicht zu wenig, nicht zu viel“, dichtet etwas später der Theologe Paul Gerhardt in einem Kirchenlied und bringt so seine Bitte nach einer guten Lebensbalance vor Gott. Dieser Liedvers markiert bereits den Bedeutungswandel der Begriffe Hülle und Fülle, die seit dem 17. Jahrhundert immer mehr Luxus und Überfluss meinen. Im Laufe der Geschichte wird so der große Bogen vom Allernötigsten bis zum Überfluss gespannt. Unser Verlangen nach Hülle und Fülle in der Bedeutung von Glück und Überfluss mag vielleicht maßlos erscheinen. Dahinter steckt jedoch unsere Sehnsucht nach mehr, eine Sehnsucht, die Ausdruck einer tiefen Bedürftigkeit ist.

Wir Menschen brauchen Hüllen, die uns wärmen und beschützen, die unsere Nacktheit und Blöße bedecken. Das Bewusstsein nackt zu sein, war die erschreckende Erfahrung, die Adam und Eva im Paradies machten, nachdem sie an Gottes Fürsorge und Großzügigkeit zu zweifeln begonnen hatten. „Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren.“ – so steht es im Buch Genesis. Erst als die Schlange Misstrauen gegen Gott in ihr Herz gesät hatte, fühlten sie sich entblößt und schämten sich. Nackt waren sie auch zuvor. Als Adam und Eva noch im Einklang mit Gott lebten, war das Paradies ein Schutzraum, der ihre Nacktheit umhüllte. Herausgefallen aus der unmittelbaren Gottverbundenheit, brauchen wir Hüllen. Übrigens mussten Adam und Eva das Paradies nicht nackt verlassen. Gott machte für sie fürsorglich „Gewänder von Fell und bekleidete sie damit“ (Genesis 3,21).

Es ist ein untrügliches Zeichen, dass Vertrauen verloren gegangen ist, wenn Menschen, die sich nahe sind, Nacktsein als etwas Beschämendes erfahren. Wie entblößend ein Blick sein kann, wenn das Misstrauen zwischen Menschen mächtiger geworden ist als die Liebe, beschreibt die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen in ihrem Roman „Löwen wecken“:

Liat „…blickte ihren Mann mit erbarmungslosen Augen an. Es war, als entfernte eine böse Hand das Kleid aus Licht und Zärtlichkeit, das Menschen ihren Liebsten überziehen, und darunter erschiene der geliebte Körper, so wie er war, nackt und bloß, Fleisch und Blut und Knochen. So grausam war dieser Moment, so entsetzlich, dass Liat nach einigen Sekunden den Blick abwandte.“

Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich vor entblößenden Blicken zu schützen und sich zu bekleiden. Dabei hat Kleidung unterschiedliche Funktionen. Es gibt Tage und Anlässe, wo wir uns sehr bewusst anziehen. Unsere Kleidung sagt etwas aus über Individualität und Selbstsicherheit, über Stil und Haltung, über Präsenz und Erreichbarkeit. Sie schützt uns und kann auch verbergen, was wir nicht zeigen wollen: „Kleider machen Leute“.

Wenn, wie im Roman „Löwen wecken“ beschrieben, das „Kleid aus Licht und Zärtlichkeit“ weggenommen wird, fühlen wir uns nackt und ausgeliefert. Denn wir tragen etwas in uns, das wir nicht jedem zeigen wollen – vielleicht nicht einmal dem uns liebsten Menschen. Für unser innerstes Geheimnis braucht es Kleider aus „Licht und Zärtlichkeit“ und den Respekt vor dem, was wir nicht preisgeben wollen.

Kleider, die geliebte Menschen uns hinterlassen, können ganz kostbar sein, weil sie zum Symbol für Erfahrungen werden und weil sie Geschichten erzählen. Für Trauernde sind sie ein Verbindungsstück mit dem Verstorbenen. So erzählt der Liedermacher Reinhard Mey in seinem Lied „Vaters Mantel“ davon, wie sein Vater schon von Kindheit an für alle nähen musste: „Acht Geschwister in karger Zeit, bringt er durch mit dem Geschick seiner Hände.“

Eines Tages, so Reinhard May weiter, können die Kinder beobachten, wie der Vater aus schwerem kostbarem Stoff einen ganz besonderen Mantel näht. Nachdem er vor allem für seine Geschwister, für die eigenen Kinder und für alle Nachbarn genäht hat, näht er jetzt einen Mantel für sich selbst. Am Ende des Liedes besingt Reinhard Mey, wie er, der Sohn, diesen Mantel eines Tages erbt und dies als große Ehre empfindet:

Reinhard Mey, Vaters Mantel

„Ich sehe ihn vor mir im Schneidersitz,
Um ihn verstreut Schnipsel und Stoffreste,
Das Maßband ausgerollt um seinen Hals,
Bunte Fäden wie Orden auf seiner Weste.
Er hat mir den Mantel geschenkt, als er
Ihm groß geworden war in späten Jahren,
Er hat mich geadelt mit dem Geschenk
Und dem Vertrau’n, ihn in Ehren zu bewahren.
Das gute Tuch, neu wie am ersten Tag,
Die Stulpen, die Ärmel, der aufrechte Kragen!
Ich trag ihn und trag die Erinnerung
An den Schneider an ganz besonderen Tagen,
Mit Freude, aufrecht und feierlich,
Ich bin mir bewusst, heut trage ich Vaters Mantel.“

„Aufrecht und feierlich“ trägt Reinhard Mey sein Erbe, des Vaters Mantel. Es ist, als ob etwas von der Persönlichkeit des Vaters auf den Sohn übergegangen wäre. Welche große symbolische Kraft Kleider haben können, beschreibt auch die Bibel in zahlreichen Geschichten, wie zum Beispiel im ersten Buch der Könige (19,19): Als der große Prophet Elija den Auftrag bekommt, Elischa an seiner Stelle zum Propheten zu salben, geht er zu ihm und wirft „im Vorbeigehen … seinen Mantel über ihn“. Mit dem Mantel hat Elija dem Elischa sein Amt übergeben. Und auch die Fähigkeit Wunder zu vollbringen, ist damit auf Elischa übergegangen.

Auf einen wichtigen Aspekt von Mänteln und Hüllen hat mich die Künstlerin Astrid Eichin aufmerksam gemacht, die ihren Ausstellungen die Überschrift „Hülle und Fülle“ gibt. Astrid Eichin ist immer wieder fasziniert von Metamorphosen in der Natur und bei Menschen. Sie erstellt künstlerische Mäntel aus unterschiedlichen Materialien. Ihre „Hüllen und Häute" sind keine Mäntel, die man anziehen könnte, sondern Symbole für Verwandlungs- und Wachstumsprozesse. Die Anregung zu ihren „Hüllen und Häuten“ erhielt die Künstlerin bei einer Begegnung mit einem Hummerfischer im US-Staat Maine. Dort erfuhr sie, dass Hummer sich häuten müssen, um überhaupt wachsen zu können. Dieses Wachstum findet nur in der Zeit statt, in welcher der Hummer eine ganz weiche und verletzliche Haut hat. Das gilt auch für uns Menschen: In Zeiten, in denen wir alte Hüllen und Mäntel oder Panzerungen ablegen, uns offen zeigen, dünnhäutig werden, kann Wachstum geschehen. Es ist eben nicht nur wichtig, geschützt und ummantelt zu werden, sondern auch, verletzbar sein zu dürfen und Einengendes abzulegen. Im Ablegen alter Mäntel zeigen wir uns offen und stellen die Frage nach einem erfüllten Leben: Wir stellen sie in Lebensübergängen, in Krisen und in großen Glücksmomenten. Sie drängt sich uns auf, wenn das Leben zu Ende geht, sei es unser eigenes oder das eines geliebten Menschen. War das alles? Hat sich mein Leben vollendet? Oder ist es fragmentarisch geblieben, abgebrochen?

Es ist nicht verwunderlich, dass der Mantel in der Begleitung sterbender Menschen zum Schlüsselbegriff geworden ist. Der Mantel, lateinisch Pallium, ist d a s zentrale Symbol des Behandlungskonzepts für sterbende Menschen, bekannt als „Palliative Care“.

Palliative Care meint ein ganzheitliches, alles umhüllendes Sorgekonzept, das sich gleichermaßen um Leib, Seele und Geist des Menschen kümmert. Auch die Sorge um die begleitenden An- und Zugehörigen ist mit eingeschlossen. Die Zumutung des Todes erfordert palliative Sorge, würdevolle Begleitung und liebevolle Ummantelung. Was Menschen von Geburt an brauchen, das haben sie am Lebensende besonders nötig: schützende Hüllen, „Kleider aus Licht und Zärtlichkeit“. Hospize und Palliativstationen sind Schutz- und Mantelräume, in denen sterbende Menschen und ihre Angehörigen gut aufgehoben sind und respektvoll ummantelt werden.

Die umhüllende, palliative Sorge ist das Kernstück der Begleitung sterbender Menschen. Aber auch Kleidung ist ein Thema im stationären Hospiz: Was nehmen Menschen auf die letzte Reise mit in ihren Koffer? Bequeme Kleidung scheint zu genügen. Doch nach ein paar Tagen, manchmal auch Wochen, stellen viele fest, dass das eben nicht ausreicht. Um am Gemeinschaftsleben teilzunehmen, braucht man ordentliche Kleider. Es bedarf nicht nur palliativer Umhüllung, sondern schöner Kleider, um sich sehen lassen zu können. Die Lust, sich hübsch anzuziehen, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich jemand dem Leben noch einmal zuwendet.

Was uns umhüllt und erfüllt, ist für jeden Menschen sehr persönlich und individuell. Am Ende geht es nicht um eine Fülle, die mit Überfluss und Quantität zu tun hat. Was uns wirklich nährt und glücklich macht, was uns im Innern erfüllt, kann leise und unscheinbar sein. Wir können es zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens erfahren. Ganz häufig habe ich es bei Menschen erlebt, die als Sterbende in einem Hospiz für ein paar Wochen oder Monate noch einmal Fülle gelebt haben. Alles ist zu jeder Zeit möglich: Noch einmal Feste feiern, zärtliche Nähe erleben – und die ehrliche Trauer über das Fragment, das unser Leben immer ist. Angehörige einer 85–jährigen alten Dame, die im Hospiz verstorben ist, schrieben folgende Worte in das Abschiedsbuch:

„In diesen fünf Wochen im Hospiz … erlebte unsere Mutter alles, wofür es sich gelohnt hatte zu leben: Liebe, Zuneigung, Spaß, Traurigkeit, Hilfe, Mitgefühl, Freundschaft, Anerkennung, Vertrauen, Freude, Geborgenheit, Trost. Dafür sind wir Euch für immer dankbar!“

Um zu erkennen, was wirklich wesentlich ist im Leben, braucht es einen Blick, der nicht im Offensichtlichen hängen bleibt, sondern der dahinter schaut. Es braucht – wie es ein Lied des Komponisten Helge Burggrabe besingt – Herzensaugen, die hindurchschauen können und einen Blick für die Schönheit des Lebens in aller Gebrochenheit haben. Es braucht Ohren, die hindurch-lauschen, Herzensohren sozusagen, die sich behutsam dem Verhüllten annähern, sich anfüllen lassen.

Im Bewerten dessen, was wir erleben, stellt sich die Frage nach einem erfüllten Leben. Es ist eine Frage an die innere Haltung und an die eigene Authentizität: Bin ich mir selbst treu geblieben, habe ich zum Leben gebracht, was an Möglichkeiten in mir steckt? Die Frage nach einem erfüllten Leben ist vor allem eine Frage nach meiner persönlichen Wahrhaftigkeit. Für ein Leben in Fülle sind Menschen wichtig, die mir nahestehen, in verlässlicher Freundschaft und Liebe. Entscheidend ist, dass kein Hader, kein Zerwürfnis meine Seele belastet und ich versöhnt bin. Auch die Natur kann uns große, beglückende Momente von Lebensfülle erfahren lassen. Die kleinen und großen Wunder der Schöpfung lassen uns staunen und erfüllen unser Herz. In allem, was sich geheimnisvoll verhüllt und zeigt, erahnen wir den Gott, der durch Jesus in die Welt gekommen ist, damit wir das Leben in Fülle haben. (Johannes 10,10)

Das Leben in Fülle ist in uns, in den Menschen, die uns begegnen, in der Üppigkeit der Natur und in den leisen Momenten, in denen Gottes Nähe unser Herz erfüllt. Mit unseren Herzensaugen und unseren Herzensohren können wir es wahrnehmen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Katharina Becker


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Dieser Beitrag wurde am 02.06.2019 gesendet.


Über die Autorin Angelika Daiker

Dr. Angelika Daiker. geb. 14.03 1955, studierte in Tübingen, München und Wien. Sie promovierte in Wien bei Prof. Dr. Michael Zulehner. Die gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Über Grenzen geführt – Leben und Spiritualität der Kleinen Schwester Magdeleine“ im Schwabenverlag. Daiker ist Pastoralreferentin und leitete von 2007- 2017 das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie konzeptionell aufgebaut hat. Als Autorin, als Trauerbegleiterin und als Dozentin für Sacred Dance wird sie zu Vorträgen und Seminaren im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung, zu Themen der Spiritualität und zu Tanzseminaren eingeladen. Neueste Veröffentlichung:
Hülle und Fülle - Palliative Spritualität in der Hospizarbeit,
Angelika Daiker / Barbara Hummler - Antoni,
Patmosverlag September 2018

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