6. Sonntag der Osterzeit 

Predigt des Gottesdienstes aus dem Dom St. Martin, Rottenburg


Predigt von Pfarrer Paul Schobel aus Böblingen

Liebe Schwestern und Brüder am Radio und hier in Rottenburg, 

eine leise Wehmut liegt über den Abschiedsreden Jesu. Seine Worte verraten in aller Deutlichkeit, dass nun die Trennung bevorsteht – zumindest für eine „kleine Weile“, bis er wiederkommt. In kurzen Sätzen rekapituliert Jesus noch einmal die „essentials“ seiner Sendung und macht seiner Anhängerschaft Mut. Ein neuer Geist wird eure Trauer tragen helfen, verspricht er. Euer Herz braucht nicht zu verzagen.

Trost spricht vor allem aus dieser Zusage: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“. Aber dann stolpert man doch unwillkürlich über die etwas rätselhafte Einschränkung: Sein Friede, sagt Jesus, sei ein anderer als die Welt ihn kennt.

Die Welt von damals kannte die sogenannte „Pax Romana“, den römischen Imperialismus, der sich den ganzen Mittelmeerraum unterworfen hatte und die unterjochten Völker auspresste bis aufs Blut. Widerstand wurde schon im Keim erstickt.

Nein – diesen „Frieden“ meinte Jesus sicher nicht, sondern vielmehr den „Schalom“ der Bibel, den Frieden mit Gott, den Frieden mit sich selbst und den Frieden mit anderen. Es ist jener innere Friede, nach dem sich die Menschen verzehren. Friede, der aus dem Vertrauen schöpft, dass Gott uns in dieses Leben gerufen hat, dass wir in ihm trotz aller Widerwärtigkeiten geborgen sind und einer heilen Zukunft entgegen gehen, nämlich nach dem Tode ganz bei ihm zu leben.

Wer dieser Verheißung traut, könnte sich nun glückselig zurücklehnen nach dem Motto: „Harre, meine Seele, harre des Herrn“, klänge uns da nicht unüberhörbar jene jesuanische Forderung aus der Bergpredigt in den Ohren: „Selig sind, die Frieden stiften“ (Mt 5,9). Frieden kann man nämlich nicht für sich bewahren, Friede will als „Fried-Fertigkeit“ ständig gelebt sein, gerade in einer Welt voller Friedlosigkeit.

Mehr als zwanzig militärische Konflikte kosten jedes Jahr Tausende von Menschen das Leben und treiben Abertausende in die Flucht. Als eine der größten Waffenschmieden der Welt liefern wir auch noch das Schießzeug dazu. Gegenwärtig scheint die Menschheit wieder wild entschlossen, ihre eigene Vernichtung vorzubereiten. Abrüstungsverträge werden aufgekündigt; es droht ein neues atomares Wettrüsten. Mehr noch: Die Arsenale sollen zusätzlich um neue, angeblich kleine taktische Atomwaffen erweitert werden. Kein Wunder, dass vor kurzem namhafte Atomwissenschaftler ihre sogenannte „Weltuntergangsuhr“ von fünf auf zwei Minuten vor Zwölf vorgestellt haben.

Kein Zweifel: Der „Kalte Krieg“ ist wieder aus der Rumpelkammer auf die Weltbühne zurückgekehrt. Das wackelige Gleichgewicht des Schreckens ist natürlich kein Friede. „Wer sich bedroht fühlt, wird noch schlimmer rüsten müssen als der andere“, schrieb schon vor über 200 Jahren der Philosoph Immanuel Kant. Auf Trumps Geheiß werden nun die Rüstungshaushalte der Länder aufgedonnert. Waffenstarrend stehen sich die Völker gegenüber.

Eines weiß man schon seit langem: Rüstung tötet, auch ohne Krieg! Denn Rüstung ist Mord an den Bedürftigsten dieser Welt. Ohne die Militärausgaben wäre es ein Leichtes, Armut und Not, Seuchen und Krankheiten, Analphabetismus und Unterentwicklung schrittweise zu überwinden. Kein Kind müsste mehr Hungers sterben, kein Flüchtling mehr im Mittelmeer ertrinken, würden wir Brot liefern statt Waffen, Lebensmittel statt Raketen, Decken statt Bombenteppiche.

„Meinen Frieden hinterlasse ich euch...“, sagt Jesus. Jedes Nachlaßgericht würde bestätigen: Dann ist sein Friede schon auf uns als seine Erben übergegangen. Dann liegt es nun an uns, das Testament zu eröffnen und zu vollstrecken, nämlich diesen Frieden zu teilen und Frieden zu schaffen.

Da beginnen wir am besten bei uns selbst: Sind wir denn mit uns selbst im Reinen? Können wir uns ehrlich im Spiegel betrachten? Oder liegen da Leichen im Keller? Konflikte, die man nur notdürftig verscharrt, aber nicht bearbeitet hat? - Höchste Zeit, den Problemen auf den Grund zu gehen. Zeit für ein gutes Wort denen, die uns wehgetan haben. Zeit aber auch für ein wirkliches Streitgespräch, wo Auseinandersetzung nötig ist.

Vielleicht wächst in uns die Kraft, als Erste die Hand zur Versöhnung zu reichen. Wo wir im Frieden sind mit uns selbst und mit den andern, sind wir in Christus, denn „er ist unser Friede“, schreibt Paulus an seine Gemeinde in Ephesus (Eph 2,14).

Wer auf Jesus Christus getauft ist, ist auf den Frieden hin getauft. Der aber muss sich in dieser Welt auch politisch manifestieren – warum nicht in den Friedensbewegungen unserer Kirchen?

Heute ist Europa-Wahl. Nur ein demokratisches und soziales Europa kann Frieden bewahren und dazu beitragen, dass Friede wird in der Welt. Rassismus und Nationalismus aber wiegeln die Völker noch mehr gegeneinander auf und vertiefen die Spaltung.

Die Kriegstreiber in aller Welt, die Scharfmacher und die politischen Zündler müssen überall auf eine mächtige Abwehrfront der „Friedfertigen“ treffen. Krieg? Nicht mit uns! „Frieden schaffen ohne Waffen!“ - Denn Krieg darf um Gottes und der Menschen willen nicht sein. Amen. 


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Dieser Beitrag wurde am 26.05.2019 gesendet.





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