Spurensuche, 01.06.2019

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Alcide De Gasperi – Für ein demokratisches Europa

Europawahl Schicksalswahl? Pater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche über Alcide De Gasperi, einem Vater der europäischen Einigung und einem Mann des Glaubens.

Der italienische Politiker und katholische Europäer ist ebenso wie Robert Schuman ein Grenzgänger. Als Alcide De Gasperi 1881 im italienisch sprechenden Welschtirol geboren wurde, gehörte seine Heimat zu Österreich. Er sprach perfekt Deutsch, studierte Philosophie und Literatur in Wien und engagierte sich dort in der katholischen Studentenbewegung. Dann wurde er Redakteur bei der Zeitung „Il Trentino“ und bald ihr Direktor. Hier engagierte er sich für die Autonomie und die italienische Kultur des Trentino unter dem österreichischen Kaiser. 1911 kam er in den österreichischen Reichsrat. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Trentino an Italien, und so wurde er einer der Mitbegründer der italienischen Volkspartei und später ihr Generalsekretär. 1921 zog er als Abgeordneter in das italienische Parlament ein.

Im Untergrund gegen den Faschismus

Mit der Machtergreifung Benito Mussolinis im Jahr 1922 nahm der politische und publizistische Kampf De Gasperis gegen das faschistische Regime seinen Anfang. Seit 1923 war er nicht mehr nur Fraktionsvorsitzender, sondern auch Generalsekretär der Volkspartei. Trotz des Terrorklimas hielt De Gasperi an seiner Gegnerschaft zu Mussolini fest und blieb Kritiker des Faschismus. Er wurde daher 1927 verhaftet, aber bereits nach 16 Monaten auf Intervention der katholischen Kirche wieder freigelassen. In der Bibliothek des Vatikans fand er ab 1929 Schutz und Beschäftigung.

Vor dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 war De Gasperi im Untergrund aktiv und ab 1942 maßgeblich an der Gründung der Democrazia Cristiana beteiligt. 1944 wurde er Außenminister in einem Allparteienkabinett. Schon zuvor hatte ihn der erste Kongress seiner Partei zum Generalsekretär gewählt. Ab 1945 Ministerpräsident in verschiedenen Koalitionsregierungen hatte er viele Herausforderungen zu meistern: die Unterzeichnung des Friedensvertrages mit den Alliierten im Jahr 1947, die geistige und moralische Erneuerung nach 20 Jahren faschistischer Diktatur und nach dem verlorenen Krieg, den materiellen Wiederaufbau, den wirtschaftlichen Aufstieg, den Übergang von der Monarchie zur Republik, die Etablierung des Rechtsstaats und der parlamentarischen Demokratie. Sein Ziel war die Westintegration Italiens, der Beitritt zur NATO und der Aufbau der Montanunion. 1952 erhielt er den Karlspreis in Aachen. 1954 wurde er zum Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung gewählt, dem Vorläufer des Europaparlamentes. Noch im gleichen Jahr verstarb De Gasperi.

1993 wurde für ihn ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet, denn sein ganzes politisches Tun war von christlichem Denken durchdrungen. Das zeigte sich besonders klar, als De Gasperi sich unter Lebensgefahr gegen den italienischen Faschismus Mussolinis engagierte. Der frühere Erzbischof von Mailand, Ildefons Schuster sagte über De Gasperi wenige Tage nach seinem Tod: „Ein demütiger und loyaler Christ, der für seinen Glauben in seinem privaten und in seinem öffentlichen Leben vollständiges Zeugnis abgelegt hat, ist von uns gegangen.“1 Alcide De Gasperi schrieb einmal an seine Frau „Es gibt Männer der Beutegier, Männer der Macht, Männer des Glaubens. Ich hätte gerne, dass man sich an mich als einen der letzten Gruppe Angehörenden erinnert.“2

Mann des Glaubens

De Gasperi war aber auch ein radikaler Demokrat, Gegner der Diktatur und ein Feind des Laizismus. In einer Kurzbiographie heißt es über ihn sowie seine Mitstreiter Adenauer und Robert Schuman: „Das Geschichtsbild eines gleichsam im Christentum geeinten Abendlandes lateinisch-karolingischer Prägung machte es den christlichen Demokraten der ,Stunde Null‘ leichter, die Teilung Europas zu akzeptieren und sich ganz der Westintegration zu widmen.“3 Sie waren in ihrer Weise fromm und standen für das christliche Menschenbild als Basis für die Anerkennung der Würde des Menschen. Aber sie ließen sich nicht vereinnahmen, auch nicht von ihrer katholischen Kirche. Scherzhaft wurden Adenauer, De Gasperi und Schumann als „Europas Heilige Dreifaltigkeit“ bezeichnet.

1 www.30giorni.it/articoli_id_4442_l5.htm, abgerufen am 15.04.2019.
2 ebd.
3 Alexander Brüggemann, „Drei Männer – ein Ziel“, https://www.domradio.de/themen/ethik-und-moral/2016-01-16/fuer-ein-vereintes-europa-schuman-de-gasperi-adenauer, abgerufen am 15.04.2019.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 01.06.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

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