Wort zum Tage, 27.06.2019

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Schlaglöcher der Seele

Sie schaufeln und planieren was das Zeug hält. Aber die Straßenarbeiter kommen auch dieses Jahr nicht nach mit der Reparatur der vielen Schlaglöcher und Risse, die der Winter hinterlassen hat. Denn auch in den Jahren zuvor wurden viele Schäden nur notdürftig repariert. Und dann reißt der Belag eben an diesen Stellen schnell wieder auf. Straßenbauexperten warnen: Wer in diesem Jahr nicht ordentlich repariert, zahlt im kommenden Jahr doppelt, d.h. die Kosten potenzieren sich.

Ich finde, daraus können wir viel lernen auch für andere Bereiche. Denn Schlaglöcher finden sich häufig auch in meiner Seele.

Man kann die Löcher in der Seele notdürftig mit vielen Dingen stopfen: Mit Alkohol, Luxusartikeln, mit Arbeit oder Drogen, mit Ängsten und Krankheiten. Vielleicht ist es das größte Loch in uns Menschen, wenn wir daran zweifeln, ob wir so gut sind, wie wir sind. Nichts lässt ein tieferes Loch entstehen als die Überzeugung: ich bin nichts wert.

Dass es da eine höhere Macht geben soll, die es gut mit uns meint, das scheint angesichts dessen, was Menschen im Laufe ihres Lebens widerfährt, ausgeschlossen. Viele Menschen sagen zum Beispiel: wie soll ich an einen liebenden Gott glauben, der mich im Blick hat, der hinter mir steht und mich nicht einfach im Regen stehen lässt.

Es könnte ja doch auch sein, dass ich vor Gott in Ungnade gefallen bin. Dieser Zweifel nagt in vielen Menschen große Löcher. Und es bleibt oft nur der Ausweg, sich klein zu machen, um sich vor dem möglichen Zorn Gottes zu verstecken

In der Bibel findet man in der Offenbarung des Johannes ganz andere Bilder, die Johannes in einer Vision entwirft. Er sagt: Gott zeltet mitten unter den Menschen und wischt ihnen die Tränen ab.

Ich finde dieses Bild großartig. Wenn er so mitten unter uns ist, muss ich mich nicht mehr allein, schuldig und ohnmächtig fühlen. Dann muss ich nicht mehr auf mein Leben blicken, als wäre es eine endlose Straße mit großen Löchern. Dann ist es mehr ein Weg von einem Anfang zu einem Ende. Und am Anfang steht Gott und am Ende. Er steht neben mir und sieht sich mit mir meine Schicksalsschläge an, und dann kann ich sagen: ja, das ist mein Leben.

Mit den Augen Gottes sieht das alles ganz anders aus. Denn das, was ich früher von mir und meinem Leben gedacht hab, verwandelt sich in eine neue Sicht, wenn ich glaube, dass er an meiner Seite steht. So kann die Vision des Johannes für mich heißen: versteck dich nicht vor dem Gott über dir, sondern suche den Gott in dir. Schau nicht ängstlich nach oben, sondern vertrauensvoll zur Seite.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 27.06.2019 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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