Wort zum Tage, 26.06.2019

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Lasten tragen

Ich sitze im Kino in dem Film: „Der Junge muss an die frische Luft“. Der Film über die Kindheit von Hape Kerkeling, der Anfang des Jahres so viele Kinobesucher in Deutschland begeistert hat. Als ich mir den Film ansehe, bin ich erstaunt, wie viele Parallelen da zu meinen eigenen Kindheits- und Jugenderlebnissen auftauchen. Was Hape Kerkeling beschreibt, habe ich mit meiner Familie auch so erlebt: mit Omas, Opas und vielen Onkeln und Tanten drumherum. Am Wochenende saßen wir auch immer zusammen bei gutem Essen und gutem Kuchen. Und wenn man so ganz nahe zusammenlebt, bekommt man auch alle Höhen und Tiefen der anderen mit. Und vor allem auch die schweren Schicksalsschläge. An eine Tante muss ich da besonders denken: Sie war eine schöne Frau mit schwarzen lockigen Haaren. Und sie lachte so gerne und hörte den ganzen Tag Lieder von Roy Black. Es war in den 60er Jahren. Und eines Tages erzählte mir meine Mutter, wie krank meine Tante war. Sie hatte Krebs und war doch noch so jung, mit zwei kleinen Kindern in meinem Alter. Und alles ging rasend schnell. Mitten im Sommer, bei schönstem Wetter war sie gestorben.

Nun könnte man denken: wenn so was Schweres passiert, mag man sich gar nicht mehr treffen und als Familie gesellig zusammensitzen. Aber dem war nicht so: jedes Wochenende trafen wir uns wieder, es gab ein leckeres Essen, danach Kaffee und Kuchen. Dann wurde über die Tante geredet. Alle heulten, die Frauen, die Männer und die Kinder, und dann war plötzlich wieder eine gelöstere Stimmung. Heute denke ich mir: ich habe dadurch konkret erlebt und gelernt, wie man mit dem Schweren im Leben zurechtkommen kann.

Für mich ist es deshalb nur konsequent, wenn das Trauern auch im religiösen Rahmen eine Rolle spielt. Im christlichen Glauben steht die Erinnerung an den Leidensweg und Tod des Jesus von Nazareth und seine Auferstehung im Zentrum. Im Glauben daran, dass selbst der Gottessohn einen so schweren Tod am Kreuz durchlitt, bekommt das Leiden eine besondere Bedeutung: Christen glauben, dass Gott darum jeden Weg des Menschen mitgeht und mitträgt, gerade auch den des Leidens.

Deshalb geht es immer auch darum, das Leid der anderen mitzutragen. Das finde ich, ist die größte Form der Solidarität, die wir Menschen füreinander aufbringen können. Ich habe noch etwas gelernt in meiner Familie: das Schwere bleibt nicht ewig, es kommt wieder eine Zeit, in der man aufatmen und neue Gedanken finden kann.

In einem biblischen Gebet, dem Psalm 23, heißt es: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Folgen, das klingt sehr realistisch. Gutes und Barmherzigkeit folgen. Folgen nach einiger Zeit. Im Moment erkenne ich das Gute und die Barmherzigkeit vor lauter Sorgen und Problemen noch nicht. Aber ganz sicher werden mir das Gute und die Barmherzigkeit folgen. Und darin vertraue ich persönlich ganz auf Gott.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 26.06.2019 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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