Wort zum Tage, 25.06.2019

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Gleitsichtig sein

Ich sitze etwas angespannt da und versuche, die Buchstaben zu entziffern. Schließlich sagt der Arzt: sie brauchen keine Gleitsichtbrille, sie sehen in der Ferne noch sehr gut.

Bin ich nun kurzsichtig oder weitsichtig? Ich verwechsle das immer und möchte mich mit dem Thema auch nicht gerne beschäftigen. Und dann denke ich manchmal: was habe ich in meinem Leben sonst noch alles nicht gesehen oder übersehen, weil ich keinen klaren Blick dafür hatte.

Man kann ja auch im übertragenen Sinne kurzsichtig sein, dann sieht man die Dinge in der Nähe gut: Familie, Nachbarschaft, den Wohnort, also den Nahbereich des Lebens. Das hat den Vorteil, dass man sich in diesem Nahbereich zuhause fühlt und sich nicht mit den Problemen der großen weiten Welt beschäftigen muss. Das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen im kommunalen Bereich ist in diesem übertragenen Sinne ein positives Beispiel, wie solche Kurzsichtigkeit gute Wirkung hat.

Es gibt aber auch die Menschen, von denen man sagt, sie seien eher weitsichtig. Die schauen mehr auf die größeren Zusammenhänge, sie engagieren sich für Klimaschutz und Entwicklungshilfe. Weil die Probleme auf unserer Erde alle miteinander verknüpft sind. So können dann auch Pläne entstehen, wie bestimmte Probleme an vielen Orten der Erde gleichzeitig angegangen werden.

Aber beide Sichtweisen können auch problematisch sein. Denn wenn ich nur kurzsichtig das sehe, was direkt um mich herum ist, bleibe ich sehr auf mein nahes Umfeld beschränkt. Sage dann vielleicht: was interessieren mich Menschen in anderen Ländern, dafür bin ich nicht verantwortlich. Wenn ich weitsichtig bin, übersehe ich vielleicht, dass jede Veränderung in der Welt mit dem kleinen Schritt beginnt, den ich selbst machen muss.

Eigentlich müssten wir beides können: also „gleitsichtig“ sein. Schnell umschalten können zwischen fern und nah.

Dieser Umschaltprozess kann anstrengend sein, ist aber aus meiner Sicht eine Grundhaltung, die aus meinem christlichen Glauben erwächst. Als Seh-Hilfe helfen mir zwei Geschichten von Jesus. Für alle Kurzsichtigen kann das Gleichnis vom Senfkorn hilfreich sein: in der Hand sieht es nur ganz klein und unscheinbar aus, aber es wächst eine stattliche Pflanze daraus. Das bedeutet: für die Kurzsichtigen lohnt sich der Blick auf die großen Ziele. Er kann davor bewahren, zu eng und zu beschränkt zu denken.

Und den Weitsichtigen könnte die Geschichte vom barmherzigen Samariter weiterhelfen. Ein Mann wird überfallen und braucht Hilfe. Der Samariter läuft nicht an ihm vorbei, wie einige andere vor ihm, sondern er sieht und weiß, was jetzt gerade notwendig ist. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Bedeutungen des christlichen Glaubens: dass er hilft gleitsichtig zu sein, also nah und fern gleichermaßen gut zu sehen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2019 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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