Wort zum Tage, 24.06.2019

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Die schönste Zeit

Die Straße vor meinem Elternhaus ist wie leergefegt. Kein Auto fährt, kein Rasenmäher läuft, keiner schimpft oder schreit, nur ein wenig Musik dringt aus manchen Gärten auf die Straße hinaus. Und es riecht nach Fleisch und Grillwürsten.

Es ist Samstagnachmittag. Das ist die Szenerie aus meiner Jugendzeit, die ich vor kurzem in mir wiedergefunden habe. Ich nahm an einem Meditationskurs teil und wir sollten uns an schöne Zeiten in unserem Leben erinnern. Und da bin ich in meiner Jugendzeit in den 70er Jahren gelandet. Und sehe mich auf meinem Fahrrad durch die Straße meines Heimatortes fahren. In der Mitte der Straße steht mein Elternhaus und ich weiß, dass meine Eltern gemütlich im Garten sitzen.

Ich kann mich sehr gut an das Gefühl erinnern, das diese „Samstagnachmittag-Zeit“ in mir erzeugt hatte: ich fühlte mich frei. Meine Eltern hatten alle Haus- und Gartenarbeiten bis Mittag abgeschlossen und dann kamen diese Nachmittagsstunden der Freiheit. Kein Fernseher lief. Keiner saß am PC oder klebte am Handy. Beim Suchen nach inneren Kraftbildern ist mir jetzt bewusst geworden, wie sehr ich diese Stunden habe genießen können: Es war, als hätten sich alle Bewohner des Dorfes zu einer Art kollektivem Leben im Hier und Jetzt verabredet. Kein Druck, kein Zwang, keine Pflichten, keine Ablenkungen. Heute meine ich: es war meine glücklichste Zeit.

Das Freisein von äußeren und inneren Zwängen ist ja ein Wunsch, den heute viele Menschen in unserer extrem leistungsorientierten Gesellschaft haben. Viele kennen diese Erfahrungen gar nicht mehr, dass man einfach eine bestimmte Zeit genießen kann, ohne dass man etwas tut. Indem man einfach alles loslässt und nur die Gegenwart genießt.

Ich denke, es ist kein Zufall, dass in den biblischen Erzählungen über Jesus von Nazareth immer wieder bestimmte Zeit- und Ortsangaben gemacht werden. Da heißt es dann, dass Jesus am frühen Morgen mit seinen Freunden aufbricht, um ungestört zu sein.  Sie steigen in ein Boot und fahren auf den See hinaus. Oder steigen auf einen Berg hinauf. Wer die Bibel liest, mag solche Angaben meist überlesen, weil man es wohl für wichtiger hält, was Jesus sagt: seine Reden und Gleichnisse.

Aber die Atmosphäre, in der das alles stattfindet, ist ebenso wichtig. Denn in der Gegenwart Jesu – so heißt es – konnten Menschen sich frei fühlen. Und später werden sich die Jüngerinnen und Jünger daran erinnert haben: „Weißt du noch, wie wir damals auf dem Berg gesessen haben oder am Seeufer lagen?“

Und dann werden sie sich erinnert haben an die Freiheit, die sie in Jesu Gegenwart gespürt haben. Man muss also nur in den eigenen Erinnerungen etwas graben, dann findet man solche Bilder wieder und das Gefühl, das einen sagen lässt: es war meine glücklichste Zeit.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 24.06.2019 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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