Wort zum Tage, 13.06.2019

von Pastoralreferent Hans-Joachim Ditz aus Berlin

Enthüllen

„Ein Irrer wickelt Lappen um ein Haus.“ So lautete der trockene Kommentar des Dichters Peter Hacks zur Verhüllung des Reichstags in Berlin. Der Künstler Christo, der heute seinen 84. Geburtstag feiert, und seine Frau Jeanne-Claude waren aber alles andere als verrückt.

Es ist die Geschichte eines Triumphs: Am 24. Juni 1995 ist der Reichstag in Berlin verhüllt, hinter langen Planen aus silbergrauem Stoff verschwunden. Sieben Tage lang hat es gedauert, bis 90 Berufskletterer und 120 Monteure die Stoffbahnen herabgelassen und mit Seilen festgebunden haben. Als das Werk vollendet ist, strömen die Menschen in Scharen herbei. Schon vom ersten Tag an beobachten Berliner und Touristen aus aller Welt, wie die Planen angebracht werden. Denn das Kunstwerk ist einzigartig - und vergänglich. Nur zwei Wochen lang ist es zu sehen, dann wird wieder abgebaut und der aluminiumumschichtete Polypropylenstoff verschwindet. Und deutsche Zeitungen jubeln: "Ein Traum aus Folie", "Wie ein Objekt vom anderen Stern". „Berlin steckt im Verhüllungsrausch". Und die Welt war damals, 1995, begeistert. Ich auch.

Fast 25 Jahre hatte es von der ersten Idee bis zur Realisierung des Projekts gedauert. Kritiker wie Befürworter gab es viele. Eine intensive Diskussion in Politik und Gesellschaft begann. Der Reichstag ist ein nationales Symbol. Darf man das einfach so verschwinden lassen? Der Mauerfall brachte neue Dynamik in das Geschehen. Der Reichstag sollte Sitz des Parlaments werden. Und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger  erkannte damals das Potential des Spiels mit Verhüllung und Enthüllung: "Wir müssen den Reichstag einpacken und anschließend als Bundestag auspacken."

Verhüllen und Enthüllen. Manchmal muss man Dinge verhüllen, um sie anschließend neu zu sehen. Christo und Jeanne-Claude knüpfen mit ihren spektakulären Verhüllungsaktionen an einen alten Brauch an: Seit  500 Jahren wird in den Kirchen am fünften Passionssonntag das Kreuz als Zeichen des Todes verhüllt, um kurz vor Ostern als Zeichen des Sieges über den Tod, als Zeichen der Auferstehung wieder enthüllt zu werden. Verhüllung, ein Ritus des Übergangs. Das Alte vergeht, das Neue scheint auf. Unser ganzes Leben ist ein solcher Übergang: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen“, schreibt der Apostel Paulus an die Korinther (1 Kor 13,12). Die letzte große Enthüllung, sie steht uns noch bevor.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 13.06.2019 gesendet.


Über den Autor Hans-Joachim Ditz

Hans-Joachim Ditz ist verheiratet und hat sechs Kinder. Er studierte katholische Theologie und Sozialarbeit in Paderborn, Innsbruck und Berlin. Seit 1987 arbeitet er als Pastoralreferent im Erzbistum Berlin mit wechselnden Aufgaben (unter anderem Jugendarbeit und Stadtteilseelsorge). Zur Zeit ist Hans-Joachim Ditz Ökumenebeauftragter des Erzbistums Berlin und Geschäftsführer des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg (ÖRBB).

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