Wort zum Tage, 11.06.2019

von Pastoralreferent Hans-Joachim Ditz aus Berlin

Schöner scheitern

Pfingsten liegt hinter uns und eine neue Arbeitswoche beginnt. Frisch ans Werk! Ich wünsche Ihnen also, dass Ihnen heute mal etwas gründlich - misslingt. Nein, Sie haben sich nicht verhört! Ich meine es wirklich so. Die Erfahrung eines Misserfolges ist zwar furchtbar, aber unverzichtbar. Scheitern ist erkenntnisreich. Man lernt eine Menge dabei. Zum Beispiel, wie man etwas besser machen kann. In Amerika gehört es fast schon zum guten Ton, einmal eine ordentliche Pleite hingelegt zu haben. Wer nach einem Crash wieder aufsteht, dem wird Respekt gezollt. Im Scheitern zeigt sich, wie widerstandsfähig jemand ist.

Scheitern kann aber auch zur Quelle der Selbstreflexion werden und zur Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Erfolg ist nicht alles. Eine solche Erfahrung hat mancher Bankrotteur schon als Geschenk erlebt. Mein Wertekompass wird neu justiert. 

Wie man mit einem grandiosen Misserfolg umgehen kann zeigt die Verfilmung des Romans Alexis Sorbas. Es geht um einen jungen englischen Schriftsteller, der nach Kreta reist, wo er ein völlig marodes Braunkohlebergwerk seiner Familie wieder in Betrieb nehmen will. Dort trifft er auf eben jenen Alexis Sorbas, der den Einfall hat, Baumstämme aus einem Wald oberhalb des Bergwerks als Ausbauholz zu verwenden. Eine Seilbahn soll die Stämme zum Bergwerk  transportieren. Die Seilbahn wird fertiggestellt. Es kommt der Tag der  feierlichen Einweihung. Doch bei der Inbetriebnahme, als die ersten drei Baumstämme ausgerechnet „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ auf den Weg geschickt werden, bricht das Gerüst der Seilbahn im Dominoeffekt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aus der Traum. Erfolg scheint keiner der Namen Gottes zu sein – auch wenn man ihn anruft.

Sorbas findet als erster wieder Worte und tröstet seinen Freund: „Hey Boss, hast du jemals erlebt, dass etwas so bildschön zusammenkracht?“ Und dann lachen sie, tanzen Sirtaki, am Strand, genießen gelassen das Leben. Schlussblende, Ende des Films.

Im Leben etwas wagen und Misserfolge mit Humor nehmen. Das geht nur mit Gelassenheit. Wodurch wird sie genährt? Vielleicht durch den Glauben an einen Gott, vor dem ich mich nicht beweisen muss, der mich bedingungslos liebt, „vor aller Leistung und trotz aller Schuld“ (Klaus Kliesch).  Mit einem solchen Gott im Rücken, kann ich in die Welt hinausgehen und etwas riskieren. Wie die Apostel an Pfingsten. Sie können nicht wissen, wie ihre Botschaft bei den Leuten so ankommt. Und trotzdem wagen sie es. Keine Angst mehr vorm Scheitern. Sie wissen: Gott ist auf unserer Seite!  Das haben wir gerade gefeiert. Pfingsten: Wir können das Leben wagen, denn Gott ist mit uns!

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 11.06.2019 gesendet.


Über den Autor Hans-Joachim Ditz

Hans-Joachim Ditz ist verheiratet und hat sechs Kinder. Er studierte katholische Theologie und Sozialarbeit in Paderborn, Innsbruck und Berlin. Seit 1987 arbeitet er als Pastoralreferent im Erzbistum Berlin mit wechselnden Aufgaben (unter anderem Jugendarbeit und Stadtteilseelsorge). Zur Zeit ist Hans-Joachim Ditz Ökumenebeauftragter des Erzbistums Berlin und Geschäftsführer des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg (ÖRBB).

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