Wort zum Tage, 01.06.2019

von Diakon Jürgen Wolff aus Bitterfeld

Empfehlung zum Sommeranfang

Können Sie noch staunen? So richtig staunen – meine ich? Nicht so ein ‚Ach guck mal, das ist aber schön …‘- Staunen! Nein: Staunen! So ein kindliches Staunen! So ein ‚Mund-und-Nase-aufsperren Staunen!‘ oder, wie es die Philosophie ausdrückt – eine Verwunderung, bei der Dinge kritisch betrachtet werden, die zunächst als selbstverständlich erscheinen. Und die sich dann durch genaues Hinterfragen zu erstaunlichen, neuen Wahrheiten entwickeln.

Ein solches Staunen erfasst mich immer, wenn ich – wie jetzt … zu Beginn des Sommers – in die Natur schaue! Wie sich das anfühlt? Am besten beschreibt es für mich ein Gedicht von Paul Gerhardt!

Paul Gerhardt – evangelischer Theologe und ein bekannter Kirchenlieddichter des 17. Jahrhunderts, geboren in Gräfenhainichen, ganz in der Nähe meiner Pfarrei in Bitterfeld.

Paul Gerhardt lebte während des 30jährigen Krieges. Er erlebte Not und Tod, Trauer, Trümmer und Terror – und trotzdem sind seine Gedichte durchzogen von einer stillen Freude, starkem Gottvertrauen und großem Staunen.

In seinem Gedicht Geh aus mein Herz und suche Freud verbindet er die Freude an Ostern und Pfingsten, die Freude an der Auferstehung Christi, seiner Himmelfahrt und der Sendung des Heiligen Geistes, die Freude also über den Neuanfang mit der Freude an der erwachenden Natur. Er staunt über das sommerlich blühende Land, er schaut auf die Pflanzen, Tiere und Menschen – und auf das, was Schönes und Erlösendes nach diesem Leben auf den Menschen wartet.

Er freut sich über Gottes Schöpfung und lässt sein Staunen und seine Dankbarkeit für all das, was er da sieht und fühlt, in dem Ausruf anklingen:

Ich selber kann und mag nicht ruhn / des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

Wohl gemerkt – so klingt Staunen trotz oder gerade wegen der Not und der Verheerung des 30jährigen Krieges.

Und wir? Sind wir noch verwundert, wenn wir die scheinbare Selbstverständlichkeit der Natur betrachten? Hinterfragen wir das noch alles?

Heute ist metereologischer Sommeranfang!

Machen wir es doch einfach mal wie Paul Gerhardt und gehen hinaus in die Natur und suchen Freud! Das Staunen kommt dann hoffentlich von allein! … und wenn sie wollen, dann können sie es auch singen … Probieren Sie es doch mal aus, es hört sie ja keiner!

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 01.06.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels. Kontakt:
Juergen.wolff@bistum-magdeburg.de

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