Wort zum Tage, 29.05.2019

von Diakon Jürgen Wolff aus Bitterfeld

Schaffe Schweigen

Ist denn jetzt endlich Ruhe da! Der Herr im ICE-Abteil zwei Reihen vor mir fährt hoch, die hinter ihm Sitzenden an und weiter: Das ist ein Ruhe-Abteil! Wenn sie sich unterhalten wollen, dann gehen Sie doch in den Speisewagen! Ansonsten: Pssst!

Die so Angesprochenen verstummen prompt, lächeln verlegen, murmeln etwas von Entschuldigung! und sind still – Ruhe! oh Wunder!

Hier im ICE scheint es ja zu funktionieren, das mit dem Schweigen – und wie ist es sonst?

Zur rechten Zeit und am rechten Ort Schweigen, ist eine Tugend! Und eine Tugend – so weiß schon das Lexikon – ist etwas, das taugt. Etwas Nützliches, Geeignetes, Brauchbares. Tugend ist demnach eine vorbildliche Haltung, der Lob und Bewunderung gebühren. Oder: eine hervorragende, als erstrebenswert geltende Charaktereigenschaft, die eine Person befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen. Soweit das Lexikon.

Nun könnte man denken, dass das Ruhegebot im ICE nicht gerade in die Kategorie einer vorbildlichen Haltung zu fassen und schon gar nicht als moralisch hervorragende Charaktereigenschaft zu betrachten sei!

Weit gefehlt – meine ich!

Denn der Volksmund wusste schon, dass Reden Silber, Schweigen aber Gold ist! Und ein arabisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: Ein Wort ist wie ein Pfeil, der, einmal von der Sehne geschnellt, nicht zurückgehalten werden kann.

So vorbildlich das Ruhegebot also ist, so sittlich erstrebenswert ist es auch.

Und so komme ich von den beiden Mitreisenden irgendwie auf ein Grundproblem unserer heutigen, medial-verquatschten Zeit!

Was wird da nicht alles herausposaunt an unnützem, ungeeignetem, unbrauchbarem und auch gefährlichem!

Über die Mikroblogging-Dienste gehen unüberlegt, ungefiltert, ungebremst die Worte wie ein Pfeil vom Bogen – mit oft ähnlicher Durchschlagskraft, ähnlichem Verletzungspotential und ähnlichem Reuebedürfnis.

Annette von Droste-Hülshoff weiß daher auch in einem Gedicht zu sagen: Und Worte sind es doch, die einst so schwer in deine Schale fallen: Ist keins ein nichtiges von allen, um jedes hoffst du oder weinst.

Und nun? Ist jetzt endlich Ruhe da?

Nun ja! Reden ist nun immer noch Silber! Aber öfter mal unser Miteinander durch Schweigen zu vergolden, würde wohl nichts schaden – oder wie es meine Nichte sagen würde: Öfter mal die Klappe halten! oder etwas vornehmer mit Søren Kierkegaard gesagt:

Der Zustand der Welt ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 29.05.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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