Wort zum Tage, 28.05.2019

von Diakon Jürgen Wolff aus Bitterfeld

Rumpelstilzchen

Vor Ostern habe ich im Religionsunterricht der Grundschule die Geschichte von Jesus erzählt: Wie er nach Jerusalem kommt, mit seinen Freunden ein letztes Fest feiert, verhaftet, verleugnet und verlassen wird, wie er getötet wird und aufersteht. Und ich habe mit den Kindern darüber gesprochen, wie er seinen Freunden nach der Auferstehung begegnet. Alles ganz normal für einen vor-österlichen Reli-Unterricht …

Aber gerade den Schluss, die Reaktionen der Freunde auf die Erscheinungen Jesu, haben wir anders betrachtet; nämlich am Beispiel von Rumpelstilzchen.  

Sie wissen noch, wer Rumpelstilzchen ist!? Die Kinder in der Schule kennen natürlich diese Figur aus den Märchen der Gebrüder Grimm! Und wie für die meisten Erwachsenen ist auch für die Kinder dieses seltsame Männelein faszinierend und unheimlich zugleich!

Die Kinder verstehen schnell, dass das Männchen im Märchen deswegen so faszinierend ist, weil es Stroh zu Gold spinnen kann … und dass es die Müllerstochter nicht beim Namen nennen kann, macht es – auch für Kinder – unheimlich! Dieser Spuk verfliegt erst, als das, was ängstigt, erkannt und benannt wird. Wie im wahren Leben!

Ob sich die Geschichte vom Rumpelstilzchen für den Reli-Unterricht eignet? Sehr gut sogar!

Den Kindern wurde nämlich schnell klar, warum die Müllerstochter Angst vor diesem Namenlosen hat und sie konnten auch eingängig erklären, warum diese Angst in dem Moment vergeht, als der Name genannt wird: Man muss sich halt nicht fürchten, wenn man das, wovor man sich ängstigt, benennen kann ... und das gilt nicht nur für das Gespenst im Kinderzimmer, das sich als wehende Gardine entpuppt.

Und hier sind wir wieder bei den Freunden von Jesus. Als Jesus nach dem Ostermorgen seinen Freunden als Auferstandener leibhaftig begegnet, überwiegt nicht der Zweifel an der Erscheinung; ihre stärkste Reaktion ist Angst!

Die Bibel schildert es uns eindrücklich: Jesus tritt in die Mitte seiner Freunde – und sie erschrecken, weil sie meinten, einen Geist zu sehen! Jesus begegnet Maria Magdalena – und nach der ersten Angst spricht sie ihn an, erkennt ihn und gibt der Erscheinung so seinen erlösenden Namen. Jesus erscheint seinen Jüngern – und nach der ersten Verwirrung wissen sie instinktiv: Es ist der Herr. Alles ist gut!

Wie im Märchen, weicht auch bei den Freunden Jesu die Angst, weil sie das noch Namenlose benennen können!

In jedem Fall gilt also: Fürchte Dich nicht! und Nenne die Dinge, die Dich ängstigen, beim Namen! … so vergeht Angst!

Die Kinder im Reli-Unterricht haben das dank Rumpelstilzchen schnell verstanden!

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 28.05.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels. Kontakt:
Juergen.wolff@bistum-magdeburg.de

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