Feiertag, 30.05.2019

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Gibt es noch Sehnsucht nach dem Himmel? Gedanken zu Christi Himmelfahrt

40 Tage nach Ostern feiert die Kirche das Fest "Christi Himmelfahrt". In der Bibel wird berichtet, wie der auferstandene Jesus, nachdem er zuvor 40 Tage lang verschiedenen Menschen erschienen war, den Augen der Jünger plötzlich entzogen wird. Was ist die Aussage dieses Festes? Pfarrer Lutz Nehk meint, es lenkt zwar mit den Jüngern den Blick zum Himmel. Doch ohne dabei die Perspektive zum Irdischen zu verlieren.

Da stehen sie, die Männer von Galiläa und auch die Frauen und schauen in den Himmel - unverwandt, mit starrem Blick. Wieder heißt es für sie Abschied nehmen. Wieder müssen sie eine Trennung verarbeiten. Gut drei Jahre waren sie mit diesem Jesus aus Nazareth umhergezogen, in den Metropolen des Landes und in der Provinz. Er war ihr Meister. Sie waren seine Jünger, seine Schüler. Am Ende hat er sie "Freunde" genannt, weil er ihnen alles mitgeteilt hat, was er von seinem Vater gehört hat (vgl. Johannesevangelium 15,15). Und dann das letzte gemeinsame Pessachfest. Das angekündigte Ende - der Verrat des Judas, die Gefangennahme und der unfaire Prozess, Folter und Hinrichtung am Kreuz. Abschied, Trennung, Trauer. Die Botschaft und später die Gewissheit seiner Auferstehung nähren neue Hoffnung: es gibt eine Perspektive, es geht weiter.

Doch jetzt erst einmal dies: Er wurde vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Sie aber schauten ihm unverwandt nach zum Himmel empor (vgl. Apostelgeschichte 1,9f). Wird hier eine Sehnsucht nach dem Himmel geweckt?

Annäherungen an ein Fest, das Fragen auslöst

Die Christen feiern heute das Fest "Christi Himmelfahrt". Stellen sich selbst hinein in diese Szene, die auch Fragen auslöst. Was nun? Wie geht es weiter? Wie haben wir das zu deuten?

Wer heute einen Gottesdienst mitfeiert, wird mit diesem Gebet entlassen:

Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast uns, die wir noch auf Erden leben,
deine göttlichen Geheimnisse anvertraut.

Lenke unser Sinnen und Verlangen zum Himmel,
wo Christus als Erster der Menschen bei dir ist,

der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.

(Messbuch, Christi Himmelfahrt, Schlussgebet)

Also, weiterhin den Blick nach oben lenken und das Sinnen und Verlangen auf den Himmel konzentrieren.

"Droben in den Himmelshöhen"

In den Gottesdiensten fallen mir immer wieder Gebete auf mit solchen Gedanken, die mir eher eine genaue Betrachtung dessen empfehlen, was "droben" ist und mich weniger in dem bestärken, was ich hier zu tun habe. Zum Beispiel dieses Gebet zur Gabenbereitung:

Herr unser Gott
in diesen österlichen Tagen
bringen wir unsere Gaben dar.

Heilige sie und schenke sie uns wieder
als Sakrament des Lebens,

damit wir nicht am Irdischen haften,
sondern nach dem verlangen, was droben ist.
(Messbuch, Freitag der Osteroktav, Gabengebet)

Gebete dieser Art kommentieren manche Mitfeiernde mit Stirnrunzeln und frommem Augenaufschlag. Während also auf der einen Seite das Droben als das große Ziel herausgestellt wird, ist auf der anderen Seite das Hienieden eher ein bejammernswerter Ort. So werden die Christinnen und Christen zum Pfingstfest den Heiligen Geist herbeirufen und ihn inständig bitten:

Nun bitten wir den Heiligen Geist
um den rechten Glauben allermeist,
dass er uns behüte an unserm Ende,

wenn wir heimfahrn aus diesem Elende.
Kyrieleis.

(Katholisches Gesangbuch Gotteslob, Nr. 348,1)

Ja, hier das Elend, das Jammertal, das zu verlassen erst die wahren Freuden bringt und der Sehnsucht nach der eigentlichen Heimat Droben Nahrung gibt.

Sehnsucht nach dem Himmel. Ja, offensichtlich gab es Zeiten, in denen diese Spiritualität der einzige Ausweg aus der Lebenswirklichkeit der Menschen war. Und anstatt das Elend und das Jammern zu beenden, wurden ihnen die Freuden des Jenseits als Tröstung angeboten.

Das irdische Zelt und das himmlische Haus

Wer in der Bibel nach Hinweisen auf eine Sehnsucht nach dem Himmel sucht, der wird auf jeden Fall bei Paulus fündig. Wortstark beschreibt er die Last des Diesseits und seine Freude auf das Jenseits. Es klingt, als schleppe es sich nur noch unter der Last dahin, ist des Lebens überdrüssig, als würde er lieber heute als morgen das Zeitliche segnen.

"Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck […]. Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein."
(Zweiter Korintherbrief, 5,1-4a.6-9)

Hier das "irdische Zelt", dort die Wohnung bei Gott, das "ewige Haus im Himmel“. Paulus war zwar nicht dabei, als Jesus diese Aussicht formuliert hat, aber er greift sie beinahe wörtlich auf. Jesus selbst hat die Sehnsucht nach dem Himmel geweckt und ihr Nahrung gegeben. Im Abendmahlssaal, als er sich von seinen Jüngern verabschiedete:

"Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin."
(Johannesevangelium 14,1-3)

Welt und Himmel sind eine Einheit 

Das ist zunächst ein Trost für seine Jünger. Das Fortgehen ist nicht endgültig. Die Gemeinschaft bleibt bestehen. Jesus formuliert hier auch seine eigene Sehnsucht. Er selbst will mit seinen Jüngern zusammen sein, über die gegenwärtige Zeit hinaus: Damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Diese Sehnsucht hat nicht den "sicheren Ort", das Droben als die jenseitige Bleibe der Seele im Blick. Es geht um den Fortbestand der Gemeinschaft, der Communio. Ein Gedanke, der auch von Paulus formuliert wird. Nur hat Jesus gar keine Eile damit. Er sieht auch keinen Gegensatz – hier Jammertal, dort Hochzeitsmahl. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sollen sich nicht in zwei gegensätzlichen Räumen bewegen. Hier der "irdische" Raum, den ich hoffentlich bald durchschritten habe. Dort, dereinst dann, der "himmlische" Palast, der mir als Belohnung winkt. Nein, für Christen sind Welt und Himmel eine Einheit. Beide sind aufeinander bezogen. Die Gemeinschaft mit Christus verbindet für mich jetzt schon Himmel und Erde.

Der Evangelist Johannes überliefert uns, dass Jesus einen Prozess beginnt, eine Entwicklung, einen Weg. Sehnsucht, ja – aber nicht Legitimation einer Weltflucht oder Lebensverdrossenheit. Die Gemeinschaft mit Jesus ist schon jetzt Erfüllung dessen, was der Kern der christlichen Sehnsucht ist: versöhnte und bleibende Gemeinschaft mit Gott und untereinander. 

"Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Der Apostel Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich."
(Johannesevangelium 14,4-6)

Er geht – um wiederzukommen 

In der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger im Abendmahlssaal in Jerusalem wird das Ereignis der Himmelfahrt schon angekündigt: Er geht, um zu kommen. Und so wird es auch den Jüngern noch einmal gesagt, als die da standen und in den Himmel starrten.

"Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück." (Apostelgeschichte 1,10-12)

Die Männer in Weiß erwecken die Jünger aus ihrer Schockstarre und schicken sie gewissermaßen zurück in die Welt. An den Ort, wo sich Wesentliches ereignen wird – Jerusalem. Da sind keine Zeit und kein Grund für ein Schmachten nach dem Himmel. Die Ostererfahrung gibt ihnen Sicherheit. Er hat gesagt, dass er auferstehen werde – und er ist auferstanden. Er sagt: Ich komme wieder. Und er wird wiederkommen. 

Für die Jünger ist die Himmelfahrt ihres Meisters ein Abschied. Ja. Und Ja, es ist auch eine erneute Trennung. Aber es ist kein Trauma, dass sie trübsinnig werden lässt und sie der Welt entfremdet. Die Himmelfahrt hat keine Emmausjünger, die der tröstenden Zuwendung bedürfen. Das lebens- und weltbejahende der Himmelfahrt wird sehr schön in dem Bericht des Lukasevangeliums deutlich. Er ist übrigens der einzige der vier Evangelisten, der davon berichtet.

"Dann führte Jesus sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott."
(Lukasevangelium 24, 50-53) 

Sehnsucht nach dem Himmel? Unbedingt!

"Gott, lenke unser Sinnen und Verlangen zum Himmel, wo Christus als Erster der Menschen bei dir ist." – Das Schlussgebet der Heiligen Messe am Hochfest Christi Himmelfahrt entlässt die Gläubigen nicht in die Welt, sondern gedanklich in den Himmel. Jesus hingegen lenkt den Blick seiner Jüngerinnen und Jünger nach seiner Himmelfahrt wieder in die Welt. Das Pfingstfest steht bevor. Der Heilige Geist wird die Fesseln der Verzagtheit sprengen und den "Weltcharakter" der Jüngergemeinde Jesu bekräftigen.

"Gibt es noch eine Sehnsucht nach dem Himmel?" Wenn man mit dem Himmel etwas Besseres meint als die Welt, dann auf jeden Fall.

Kann aber diese Sehnsucht nach Himmelfahrt und dem Pfingstereignis noch eine Fluchtbewegung aus der Welt sein? Von mir ein klares Nein.

Christen dürfen eine Sehnsucht nach dem Himmel haben. Für sie  ist es eine Sehnsucht nach dem Himmelreich, das immer schon eine Wirklichkeit dieser Welt ist. Es ist die Sehnsucht des Kaufmanns nach der wertvollen Perle, für die er alles andere verkauft (vgl. Matthäusevangelium 13,45). Es ist die Sehnsucht des reichen Jünglings, der Jesus fragt, was er hier und jetzt tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen.

Christliche Sehnsucht ist die nach einer Welt, aus der keiner mehr fliehen und sich wegwünschen möchte. Sehnsucht nach einer Welt, die kein Gegensatz zum Himmel ist, sondern ein Ort der Gottesbegegnung.

Ein Vorschlag für ein Gebet für den heutigen Tag: 

Gott.
Du bist uns nahe,

noch bevor wir zu dir kommen.
Du bist bei uns,

noch bevor wir uns aufmachen zu dir.

Sieh deine Gemeinde, die auf dich schaut:
Sieh unsere Sehnsucht nach Glück,
unseren Willen zum Guten

und unser Versagen.
Erbarme dich unserer Armut und Leere.

Fülle sie mit deinem Leben, mit deinem Glück,
mit deiner Liebe.

 

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 30.05.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche