Wort zum Tage, 18.05.2019

Verena Tröster aus Köln

Familiengeruch

Würde man mich heute mit verbundenen Augen in den Hausflur des großen Bauernhauses der Familie Schmitz stellen, ich würde am Geruch erkennen, wo ich bin. Denn als Kind musste ich in meinem Heimatdorf im Sauerland alle zwei Wochen dorthin zum Milch bezahlen. Dann atmete ich ihn ein: diesen unverwechselbaren Schmitzschen Bauernhausgeruch. Eine Mischung aus Milch, Mittagessen und gebohnerten Fliesen.

Die Haustüre des großen Bauernhauses stand immer offen. Ich ging also einfach rein und fand mich ein bisschen verloren in dem riesigen Hausflur wieder. Unter Herzklopfen fragte ich dann vorsichtig „hallo?“ und wartete bis Frau Schmitz endlich aus der Küche kam, um lächelnd mein Kleingeld in Empfang zu nehmen.
Aufregend war das, dieses Milch bezahlen bei Schmitz.

Ganz ähnlich wie früher bei Schmitz im Hausflur geht’s mir heute, wenn ich eine Kirche betrete. Am Geruch erkenne ich, wo ich bin. Was ist das: eine Mischung aus Weihrauch, Kerzenwachs und alten Mauern? Kirchengeruch eben. Der steigt mir schon beim Türe öffnen in die Nase und ich fühle mich, als würde ich bei einer befreundeten Familie ins Haus kommen.

Und dieses Gefühl ist da, egal in welcher Stadt oder in welchem Land die Kirche steht. Weil der Geruch derselbe bleibt.

Und ähnlich wie damals bei Schmitz ist es auch hier Respekt, den ich fühle: weil ich auch in die Kirche einfach so eingetreten bin, ganz ohne klingeln. Weil die Tür mir immer offen steht und weil ich, ohne mich anzukündigen, in einen Raum hineinkomme, in dem hoffentlich jemand auf mich wartet.

Manchmal, wenn ich dann ganz alleine in einer Kirchenbank sitze und in ein erhabenes Mittelschiff blicke, überkommt mich die Sorge, dass ich Gott vielleicht nicht direkt finden kann. Dann habe ich dasselbe Herzklopfen wie früher im großen Hausflur bei Schmitz: Was ist, wenn hier niemand ist? Was, wenn‘s still bleibt, wenn mir niemand antwortet? Was, wenn ich Gott nicht spüren kann?

Eine Zeit lang ging es mir nämlich so, dass da einfach nichts war, keine Antwort, keine Verbindung, obwohl ich die doch mal hatte. Gott war für mich verschwunden.

Und wenn ich heute so da sitze in einer Kirche, dann hängt mir das nach. Obwohl ich das Gefühl habe, dass die Verbindung zu Gott zurückgekommen ist, ist sie noch da, diese Sorge, ihn nochmal zu verlieren. Weil die Nähe zu ihm mir so wichtig ist.
Weil sie mir Halt gibt und dafür sorgt, dass ich nicht alleine bleibe in der großen Kirche.
Und deshalb nehme ich jedes Mal aufs Neue, wie damals bei Schmitz, Mut zusammen. Ich muss richtig Kraft aufbringen, mein altes Vertrauen hervorkramen, um ein zögerliches „hallo“ sagen zu können.

Umso schöner ist es, wenn sich dann das altbekannte Gefühl einstellt, dass mir sagt:
Er ist da – es ist jemand Zuhause.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 18.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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