Wort zum Tage, 17.05.2019

Verena Tröster aus Köln

Ich steh vor dir mit leeren Händen

Die Nummer 422 wird angezeigt. Als nächstes Lied in einem Gottesdienst. Ich singe eigentlich gerne in der Kirche. Nur nicht, wenn es Lieder sind, die sich zwischen den Nummern 414 und 435 bewegen, denn dann weiß ich, dass mir das Singen nicht leicht fällt. Dass meine Stimme bricht und mir manchmal sogar Tränen in die Augen schießen.

Weil mich eine Rührung überkommt, der ich irgendwie nicht gewachsen bin.

Die 422 ist so ein Lied. Aus der Rubrik „Vertrauen und Trost“. Es beginnt mit der Zeile:
„Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie Dein Name sind mir Deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott.
Mein Los ist Tod, hast Du nicht andren Segen?“

Diese Worte packen mich an. Ich fühle mich, wenn ich sie höre, so klein vor Gott. Denn tatsächlich, ich komme mir vor wie jemand, der vor Gott nichts hat, dessen Hände leer sind, und der den, den er da anspricht gar nicht richtig kennt. Wieso soll gerade ich in meinem Suchen gehört werden?

Die einzige Erklärung, die ich auf diese Frage finde, ist, dass Gott schon auf mich wartet. Dass er mich genauso sucht, wie ich ihn. Dass er mich vielleicht sogar genauso mag. So, wie ich da in dieser Kirchenbank sitze, so, wie ich es nicht schaffe, dieses Lied mit fester Stimme zu singen. Und die Erkenntnis, dass es so sein könnte, füllt mich mit einer Ergriffenheit, die ich nicht gut verbergen kann.

Ich weiß: jeder Mensch kennt diese Gefühle. Hat so eine Art von innerer Bewegtheit schon gespürt. Vielleicht in einer Kirche, vielleicht aber auch in Situationen im Alltag. Zum Beispiel dann, wenn ein Kind etwas Rührendes tut. Oder wenn der Partner, ein Freund, die eigenen Eltern, etwas für einen machen, womit man nicht gerechnet hat. Etwas, das einen tief drinnen bewegt.

Was sind Ihre Momente, in denen Sie so etwas wie eine Rührung spüren? In denen Ihre Seele Ihnen sagt: Das, was ich da höre, ist eigentlich zu schön? So schön, dass Sie eine tiefe Bewegung empfinden, die nicht drinnen bleiben kann? Und: Trauen Sie sich dann, sie zu zeigen?

Dass ich denke, ich müsste sie verbergen, liegt an der Art und Weise wie wir Christen hier unseren Glauben feiern. In Gottesdiensten, in denen man selten emotionale Regung zeigt, wäre es eher ungewöhnlich, wenn ich anfange zu weinen, weil mich ein Liedtext bewegt.
Dabei geht‘s ja eigentlich genau darum: Menschen kommen im Gottesdienst zusammen, um gemeinsam Gottes zu treffen. Natürlich auch, um ihn zu spüren. Und wie kann sich das schöner zeigen, als in dem Gefühl einer tiefen Rührung?

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 17.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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