Wort zum Tage, 16.05.2019

Verena Tröster aus Köln

Platz im Kopf

„Nimm ein paar tiefe Atemzüge. Atme ein und atme aus. Schließe mit dem nächsten Ausatmen Deine Augen und konzentriere Dich nur noch auf Deinen Atem. Lass ihn ganz natürlich fließen und zähle jeden Deiner Atemzüge.“

Ich meditiere täglich 10 Minuten, kurz nach dem Aufstehen. Mit einer Meditations-Übung für‘s Handy. Eine Achtsamkeits-App, über die täglich mehr als 17 Millionen Menschen auf der ganzen Welt einem ehemaligen Mönch zuhören. Um zu lernen sich zu fokussieren, unwichtige Gedanken loszuwerden und um Platz im Kopf zu schaffen.

Der Ablauf ist immer gleich: Erst eine Atemübung, auf die ich mich einige Minuten richtig konzentrieren muss und dann der ganz kurze Moment, vor dem die Stimme aus dem Handy mir sagt: „Jetzt höre auf Deine Atemzüge zu zählen. Und lass Deinen Gedanken Zeit, das zu tun, was sie tun möchten.“

Die Augen geschlossen gebe ich meinen Gedanken also die Erlaubnis loszulassen. Ich lasse sie frei und sage ihnen: „Ihr könnt jetzt gehen, wohin ihr wollt.“ Doch sie bleiben. Ganz stumm. So sehr ich auch versuche sie treiben zu lassen, bleiben sie in einer Art Schwebe untätig über mir stehen. Fast so wie ein leichter Schleier, der meinen Körper mit einer Leichtigkeit zudeckt. Als würde mein Geist mir sagen wollen: „Du kannst versuchen mich loszulassen, aber ich bleibe einfach bei Dir und werde jetzt nichts tun. Nicht über unwichtige Dinge grübeln, wie ich es sonst so oft mache.“ 

Dieser Moment kam beim ersten Mal ganz unverhofft. Mittlerweile kenne ich ihn gut. Er fühlt sich unheimlich wohlig an, aber auch filigran, scheint zerbrechlich. Und in ihm drin steckt so eine Ahnung von etwas, eine Idee, die mir absolut neu war. Und die ich kaum beschreiben kann, weil mir die Attribute dazu fehlen. Es ist die Idee einer Weite, einer Weite ohne fassbare Merkmale. Als seien zum Erspüren dieser Weite weder mein wacher Geist, noch mein Körper notwendig.

Aber: Es ist, als seien in diesem Moment alle meine Fragen geklärt, als gäbe es nichts zu tun und nichts zu fühlen. Als käme diese Weite einfach ganz selbstverständlich über mich, als würde sie mich umarmen und tief in sich aufnehmen. 

Ich weiß nicht, was das für eine Weite ist. Was ich aber weiß ist, dass mich dieses Gefühl an etwas ganz tief in mir verankertes erinnert. Etwas, das schon in mir wohnt. Ob das Gott ist, frage ich mich. Morgen früh in jedem Fall werde ich dieser Weite erneut Platz machen in meinem Kopf.  

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 16.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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