Wort zum Tage, 15.05.2019

Verena Tröster aus Köln

So wahr mir Gott helfe

Der frühere SPD-Politiker Franz Müntefering gibt ein Radiointerview. Das Gespräch ist interessant und läuft ab, wie Radiointerviews mit Politikern nun mal ablaufen. Bis am Schluss des Gespräches eine Frage nach seinem Amtseid kommt.

Im Oktober 1998 hatte Müntefering den Eid mit der Formel beendet: „…so wahr mir Gott helfe“. Müntefering war in der ersten rot-grünen Bundesregierung einer der wenigen gewesen, der auf den bis dahin üblichen Gottesbezug nicht verzichtet hatte.
Der Moderator will jetzt wissen, wieso. Er fragt: „Haben Sie Gottes Beistand denn gespürt, während Ihrer politisch aktiven Zeit?“

Ich drehe das Radio lauter und höre Müntefering zögernd antworten: „Ich weiß nicht, da bin ich ehrlich gesagt nicht so intensiv dran. Aber es ist eine Tradition, in der ich großgeworden bin und zu der ich auch gerne stehe.“

Ich denke: Wie? Er weiß es nicht? Ein Schwur auf Gott aus Tradition?

Ohne es zu wollen beziehe ich die Frage des Moderators auf mich: Spüre ich Gottes Beistand denn, bei all dem was ich tue? Ich würde jedenfalls den Amtseid mit dem Gottesbezug schwören. Aber wieso eigentlich? Habe ich denn das Gefühl, da ist ein Gott, der mir beisteht? 

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer muss ich mir eingestehen: Nein, das habe ich eigentlich nicht. Ich bin christlich erzogen worden, bin Kirchgängerin, engagiere mich in meiner Gemeinde. Ich habe mich sogar dazu entschieden für die katholische Kirche zu arbeiten, aber tatsächlich habe ich bei all dem nicht das Gefühl, Gottes Hilfe zu beanspruchen. Also alles eine Art selbstverständliche christliche Routine?

Ich erschrecke beim Schreiben dieser Zeilen. Denn ich muss feststellen, dass ich mich bei Unsicherheiten nie wirklich rückbesinne auf Gott.

Ich gebe viel auf die Meinung meines Partners. Ich höre auf das, was meine Eltern mir raten, aber ich habe bisher tatsächlich nie Gott um seine Hilfe gebeten. Und das, obwohl ich doch glaube, dass er für mich da ist. Ich würde sogar sagen, dass es Momente gibt, in denen ich tatsächlich seine Anwesenheit spüre. Dann denke ich: ich kann auf ihn bauen, warum also tue ich es nicht?

Vielleicht, weil ich ihn bisher eher als Begleiter in guten Zeiten wahrgenommen habe. Weil er nach wie vor der „liebe Gott“ meiner Kindheit ist, der mich begleitet zwar, aber den ich nicht belasten will. Mir wird jetzt erst klar, dass ich ihn aber bestimmt belasten darf. Dass er da ist, wenn ich mal nicht weiter weiß und eine Antwort hat, wenn ich keine finden kann.

„Ich bin da nicht so intensiv dran“, hat Müntefering gesagt. Ich weiß jetzt, dass es mir da sehr ähnlich geht. Aber ich möchte intensiv dran sein. Ich möchte in meinem Leben auf Gott bauen -  so wahr er mir helfe.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 15.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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