Wort zum Tage, 14.05.2019

Verena Tröster aus Köln

Erdbeerkuchen

Haben Sie eine Ahnung wie ein Stück selbstgebackener Erdbeerkuchen schmeckt nachdem man 20 Kilometer Fußmarsch in den Beinen hat? Ich sag es Ihnen: Er schmeckt einfach wunderbar.

Einmal im Jahr bin ich in dieser Situation. Nämlich immer dann wenn ich zusammen mit einer Pilgergruppe unterwegs bin zur Gottesmutter nach Werl. Auf dem Hof der Familie Eickhoff in einem kleinen Dorf im Sauerland. Seit 25 Jahren backt die Familie uns Pilgern immer am selben Tag diesen wunderbar schmeckenden Erdbeerkuchen.

Und dass das so ist, liegt daran, dass die Marienpilger vor eben 25 Jahre in ein heftiges Gewitter kamen und sich damals schutzsuchend unterm Scheunendach der Familie unterstellten. Frau Eickhoff kam damals aus dem Haus gelaufen, brachte Handtücher und kochte Kaffee.

Auch weil sie erfuhr, wohin diese Gruppe unterwegs war: Zur Gottesmutter in Werl. Dort, in der Wallfahrtsbasilika steht eine Marienskulptur. Ein Gnadenbild, wie die Menschen es nennen. Seit über 300 Jahren kommen Pilger mit ganz konkreten Bitten dorthin. Unzählige Votivtafeln sind in der Nähe der Figur zu sehen – darauf immer wieder ein Satz: „Maria hat geholfen.“

Ich kann nicht sagen, dass ich mit einem bestimmten Anliegen nach Werl pilgere. Meistens kommt es mir, sobald ich auf dem Weg bin. Seit ein paar Jahren schon laufe ich mit, weil mich die Atmosphäre dieser Wallfahrt so beeindruckt. Es steckt an zu sehen, mit welchem Elan die Menschen auf diesem Weg sind. Mich beeindruckt auch die Beständigkeit, wie lange schon und wie selbstverständlich die Pilger an dieser Wallfahrt festhalten. Wir alle werden zu einer Gemeinschaft auf diesem 70km langen, manchmal nicht ganz leichten Weg und teilen die unsagbare Freude, wenn wir zusammen das Ziel erreichen.

Ein alter Pilgerspruch lautet: „Wer sich auf eine Wallfahrt begibt, bleibt nie allein.“ Ich kann das bestätigen. Am Wegesrand, in den Dörfern durch die wir kommen, helfen uns Menschen diesen Weg zu schaffen. Indem sie ihre Gemeindehäuser oder Kirchen für uns aufschließen, mittags eine Suppe kochen, uns Pausen ermöglichen. Sie schließen sich damit der Wallfahrt an - nicht selten auch mit der Bitte: „Zündet für mich eine Kerze an bei der Muttergottes in Werl.“

So hat sich auch Familie Eickhoff auf ihre ganz eigene Art den Wallfahrern angeschlossen. Seit 25 Jahren, als die Pilger nach dem großen Gewitter weiterzogen, ruft sie uns auch heute in diesem Jahr hinterher: „Auch wenn’s nächstes Jahr nicht regnet, macht Pause bei uns. Es gibt Erdbeerkuchen.“

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 14.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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