Am Sonntagmorgen, 19.05.2019

von Pastoralreferent Thomas Macherauch aus Bruchsal

Ins Abenteuer gerufen. Das Leben als Heldengeschichte

Menschen mögen Geschichten. Früher waren das Sagen, Mythen und Märchen; heute sind es die großen Romane und Filme. Eines haben sie alle gemeinsam: es sind Heldengeschichten.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat sich damit beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben: „Der Heros in tausend Gestalten“. Er hat Geschichten aus verschiedenen Zeiten und Kulturen verglichen und festgestellt, dass alle Hauptfiguren auf Abenteuerreise gehen: sie machen eine „Heldenreise“. Alle durchlaufen dabei ganz typische Stationen.

Der Drehbuchautor Christopher Vogler fand diese Erkenntnisse spannend. Die typischen Muster der alten Geschichten haben sich einst ganz natürlich, wie von selbst, herausgebildet und bewährt. Vogler macht sie nun für Hollywood nutzbar. Er empfiehlt in seinem Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ den Autoren, ihre Helden zwölf Stationen durchlaufen zu lassen, wenn ihr Buch oder Film erfolgreich sein soll. Seither werden große Geschichten oft als Heldenreise aufgebaut: „König der Löwen“ zum Beispiel, „Pretty Woman“ oder auch „Harry Potter“.

Vom Mythos über religiöse Erzählungen bis hin zum Kinofilm – alle Geschichten beginnen zunächst ganz harmlos. Die Hauptfigur lebt ihr alltägliches Leben – bis sie ins Abenteuer gerufen wird: Mose wird von Gott berufen; Harry Potter soll auf die Zauberschule Hogwarts gehen und Pretty Woman trifft den Mann ihrer Träume. Die Hauptfigur lässt sich aber nicht gleich auf das Abenteuer ein. Sie zweifelt und verweigert sich. Oft ist es eine Art Mentor, der sie ermutigt, es doch zu wagen. Danach muss sich der Held oder die Heldin bewähren und es kommt zu Konflikten: Buddha zieht sechs Jahre durchs Land; Mose 40 Jahre durch die Wüste. Irgendwann spitzt sich die Sache zu: In der Geschichte von Mose zweifelt das Volk an ihm und sogar an Gott; Harry Potter vermisst seine Eltern, die durch einen Zauberer gestorben sind, der jetzt Harry ans Leben will. Schließlich stellt sich der Protagonist seinen Ängsten und dem, was ihn herausfordert. Er wagt etwas und besteht die entscheidende Prüfung.

Der Höhepunkt der Geschichte ist nun fast erreicht: Der Held wird belohnt. Pretty Woman bekommt ihren Traummann. Harry Potter lernt etwas über seinen Gegner, seine Eltern und das, was sie verbindet. Mose führt das Volk Israel aus Ägypten heraus. Aber das Schwierigste kommt noch: Der Held muss nach Hause zurückkehren und das, was er erlebt hat, in seinen Alltag integrieren. Gerade in Filmen ist das die Stelle, wo sich der Gegner noch einmal aufbäumt und dem Helden schwer zusetzt. Der scheint zu sterben, lebt dann aber doch weiter. Dadurch wird klar: Er ist nicht mehr derselbe. Er hat sich verändert und muss das, was er erlebt hat, mit seinem Alltag zusammenbringen: Harry Potter steigt in den Zug nach Hause, weiß aber, dass er nach Hogwarts zurückkehren wird, denn das ist seine eigentliche Heimat. Buddha ist erleuchtet und beginnt seine Lehre zu verbreiten; denn was er über das Leben erkannt hat, kann er nicht für sich behalten.

Doch was macht Heldenreisen eigentlich so erfolgreich und interessant – von der Antike bis heute? Vor allem eins: Sie sind eingängig. Nicht nur, weil sie lebendig erzählt, spannend und unterhaltsam sind. Sie haben etwas mit mir zu tun. Sie spiegeln, was ich erlebe und durchmache. Joseph Campbell, der Mythenforscher, hat die Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung gekannt. Er sagt: Heldenreisen und ihre Figuren greifen Archetypen der Seele auf. Was die Charaktere tun und wie sie sich verhalten, was sie fürchten und womit sie sich auseinandersetzen, kenne ich im Grunde von mir selber. Auch ich bin ins Abenteuer gerufen. Vielleicht nicht so wie Moses oder Harry Potter. Aber auch ich muss die Abenteuer meines Lebens bestehen. Und da mache ich Ähnliches durch wie sie. Es hilft mir daher zu sehen, wie sie mit dem umgehen, was sie tun müssen oder tun sollen. Auch wenn mir das oft nicht bewusst ist: Ihre Geschichten haben Parallelen zu meinem Leben. Und das macht sie so interessant für mich.

Heldenreisen sind Parabeln für das Leben. Jede Reise beginnt meist beim Helden zuhause. Sie beginnt in einer Welt, wie ich sie kenne: gewohnt und vertraut, vorhersehbar und womöglich ein bisschen eng. Mose hütet das Vieh; Harry Potter lebt bei seiner Pflegefamilie. Nicht alles ist rosig: Pretty Woman schafft es kaum, ihre Miete zu bezahlen und der Mann ihrer Träume ist gerade von seiner Freundin verlassen worden. Jeder kennt das: Etwas könnte immer noch besser sein! Ich bin zu dick, was ich arbeite, erfüllt mich nicht und überhaupt: Was ist aus den Träumen geworden, die ich früher mal hatte? Ich werde also durch die Heldenreise mehr oder weniger subtil darauf hingewiesen, dass es da mehr gibt als das, was ich kenne und lebe: etwas, wonach ich mich bewusst oder unbewusst sehne. Ich merke, dass etwas in mir schlummert, das entdeckt werden will. Ich habe Potenzial und Talente, die ich zu wenig nutze. Der Moment, wo ich das intuitiv spüre, ist im Kino übrigens der, in dem ich genau weiß: gleich passiert etwas. Nur noch wenige Sekunden, dann wird der Held ins Abenteuer gerufen.

Und dieses Abenteuer kommt dann recht unterschiedlich daher: Pretty Woman darf nach einigem Hin und Her ihre Träume leben. Ich kann mich gut in sie reindenken, wenn ich gerade überlege, meinen Job zu wechseln oder umzuziehen. Andere Figuren bekommen Aufgaben, die sie sich nicht ausgesucht oder gewünscht haben. Wie es ihnen geht, kann sich jeder vorstellen, der schon mal mit etwas konfrontiert war, womit er nicht gerechnet hat: „Papa, du bist zu dick!“ – Hoppla, da muss ich wohl was tun, denke ich. Oder ein Arzt sagt: „Sie sind schwanger.“ – Ach du liebe Zeit: Das verändert alles.

Ein Abenteuer anzunehmen, aufzubrechen und neue Wege zu gehen, braucht Mut. Gerade wenn ich nicht weiß, wo diese Wege hinführen. Ich selber wäge oft gut ab, bevor ich mich für etwas entscheide. Und so kenne ich gut, wenn Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern sitzen und mir zuflüstern: „Diese Chance kommt nie wieder!“ „Denk an deine Familie!“ Oder: „Was werden die anderen sagen?“

In einer Heldenreise bekommen diese inneren Konflikte ein Gesicht. Sie werden konkret. Das macht es leichter, sie zu verstehen. Was sonst in mir passiert, wird greifbar: das Engelchen ist dann ein Freund, der den Helden ermutigt; das Teufelchen ein neidischer Kollegen, der ihn ausbremst. Auch das schlechte Gewissen kommt vor: als jemand, der den Helden ermahnt oder als Blitz, der vom Himmel zuckt. Es gibt dafür sogar einen eigenen Begriff: Es ist der Archetyp des „Schwellenhüters“. Er prüft, ob ein Held bereit ist, sich auf ein Abenteuer einzulassen.

So kann ich jede Heldenreise mit meinem Leben abgleichen: Der Held kämpft gegen seinen Erzfeind – ich gegen alles, was mir Angst macht und mich verunsichert. Er wird von angeblichen Freunden verraten und gelinkt – ich habe durch eine Krankheit oder Ähnliches schmerzlich erfahren, wer wirklich zum mir steht und wer nicht. Auch für diese Typen von Menschen, die ich nicht einordnen kann, die vom Freund zum Feind oder vom Feind zum Freund werden, gibt es einen eigenen Begriff: Es ist der Archetyp des „Gestaltwandlers“. Judas, der Jünger, der Jesus verrät, ist wohl so einer; bei Harry Potter ist es der Lehrer Snape, der undurchsichtig bleibt und sich bis zuletzt nicht klar positioniert.

Schließlich hat der Held vieles erlebt. Er kommt nach Hause zurück und muss sich zurechtfinden – so wie meine Frau und ich uns als Paar neu finden müssen, wenn die Kinder ausgezogen sind; denn unsere Beziehung hat sich durch sie verändert.

Heldenreisen spiegeln das Leben. Das macht sie so erfolgreich – vom Mythos bis zum Kinofilm. Auch die Werbung weiß das und nutzt gezielt einzelne Motive. Sie erzählt mir kleine Geschichten und ruft mich ins Abenteuer, indem mich zum Beispiel eine Müsli-Marke auffordert, den Tiger in mir zu wecken, oder indem mir ein Baumarkt empfiehlt, etwas zu meinem Projekt zu machen. Dabei zielt die Werbung auf das, wonach ich mich sehnen könnte, und zeigt mir, was ich – angeblich – erreiche, wenn ich mich auf bestimmte Produkte einlasse.

Heldengeschichten berühren mich emotional und lassen mich Abenteuer erleben. Besonders interessant wird es aber dann, wenn ich mir ihre Muster bewusst mache und sie ganz gezielt dafür einsetze, um mich besser kennenzulernen.

Christian Schröder ist Pastoralreferent in Aachen. Er nutzt die Heldenreise, um Jugendliche auf die Firmung vorzubereiten. Er hat schon mit Filmen gearbeitet oder die Firmvorbereitung als Computerspiel gestaltet. Die Jugendlichen versetzen sich dabei in Abenteuerszenarien und schauen, was sie davon von sich selber kennen.

Schröder macht aber noch mehr: Er bringt den Glauben ins Spiel. Er erzählt den Firmlingen davon, was die Menschen der Bibel mit Gott erlebt haben und was die Kirche an Traditionen, Ritualen und Symbolen kennt, um Leute zu stärken und zu begleiten. Dadurch eröffnet er den Jugendlichen einen neuen Horizont, in dem sie ihr Leben sehen und deuten können.

In jedem Computerspiel hat der Held zum Beispiel bestimmte Fähigkeiten. Schröder lässt die Jugendlichen überlegen, wie das bei ihnen ist; mit welchen Talenten sie in die Abenteuer ihres Lebens starten. Dazu passt die Geschichte der Bibel vom Leib, der viele Glieder hat. Da geht es darum, dass jeder irgendetwas kann und hat, das ihn besonders macht. Und doch ist jeder darauf angewiesen, dass andere ergänzen, was ihm fehlt: Was wäre das Auge ohne das Ohr (vgl. 1 Kor 12)?

Das zu wissen entlastet die Jugendlichen; denn keiner muss alles können. Selbst bei Mose war das so: Er hat das Volk angeführt, aber er hat Aaron an seiner Seite gebraucht, weil der einfach besser vor Leuten sprechen konnte als er (vgl. Ex 4,10-16).

Die Bibel ist auch dann interessant, wenn es darum geht, was die Jugendlichen fürchten. Petrus versucht einmal, übers Wasser zu gehen, doch er zögert und geht unter. Jesus packt ihn und zieht ihn raus (vgl. Mt 14,22-33). Solche Texte verstehen die Firmlinge ganz gut, wenn sie überlegen, was ihnen Angst macht. Sie fragen dann, wer ihnen die Hand reicht und für sie da ist, wenn es drauf ankommt. Und sie merken, dass das, was nicht möglich zu sein scheint, oft möglich wird, wenn man an sich glaubt und nicht alleine ist. Letztlich steckt da noch mehr drin: die Frage nämlich, worauf ich grundsätzlich vertraue und an wen oder was ich glaube.

Christian Schröder macht die Erfahrung: Jugendliche sehen oft sehr klar, in welche Abenteuer sie gerufen sind. Sie sind mit der Schule fast fertig, doch wie geht‘s weiter? Die Eltern trennen sich; was jetzt? Manches können die Firmlinge beeinflussen, anderes nicht. Wenn sie dann hören, wie die ersten Jünger ohne Wenn und Aber Jesus nachfolgen, als der sie beruft, merken sie, dass es manchmal Dinge gibt, denen man sich nicht verweigern kann. Oder sie finden sich in Mose wieder, der daran zweifelt, dass er das Volk aus Ägypten führen kann (vgl. Ex 3,11.13; 4,10). Oder sie lernen Samuel kennen, den Gott dreimal ruft, bis der Priester Eli ihn darauf aufmerksam macht, dass Gott ihm etwas sagen will (1 Sam 3,1-21). Die Jugendlichen merken dann, dass es manchmal mehrere Anläufe braucht, bis klar ist, wozu einer berufen ist. Und sie erkennen, wie wichtig Menschen sind, die ihnen dabei helfen, ihren Weg zu finden und zu gehen.

In den Heldenreisen sind das die Mentoren. Was wäre Harry Potter ohne seinen Lehrer Dumbledore? Samuel ohne den Priester Eli? Durch ihre Lebenserfahrung haben sie ihren Schützlingen etwas voraus. Nur so können sie sie beraten und ihnen helfen. In der Tradition der Kirche gibt es diese Mentoren auch: man nennt sie Paten. Das sind Leute, die den Jugendlichen zur Seite stehen. Sie sind für sie da, unterstützen sie und sind ansprechbar für alles, was sie beschäftigt – im Leben und im Glauben. Wird den Firmlingen das klar, suchen sie ihre Firmpaten gezielter und bewusster aus.

Auch die Paten selbst können übrigens aus den Heldenreisen etwas lernen. Es ist interessant, dass Mentoren den Helden zwar beistehen. Wenn es drauf ankommt, sind sie aber oft nicht da. Dumbledore zum Beispiel hat Urlaub oder ist auf einem Zauberkongress, als Harry Potter in Gefahr gerät. Das aber schadet nicht. Im Gegenteil: Harry wächst genau da über sich hinaus. Gleiches gilt für Petrus: Erst als Jesus nicht mehr da ist, tritt er mutig und selbstbewusst auf, predigt und begeistert die Leute. Mentoren müssen sich also immer wieder mal zurücknehmen und ihren Schützling freigeben. Nur so kann der sich ausprobieren, dazulernen und eigene Erfahrungen sammeln, an denen er wächst. Auch als Vater sollte ich das berücksichtigen, wenn ich möchte, dass sich meine Kinder weiterentwickeln.

Ob im Mythos, Film oder Computerspiel: Menschen erleben gerne Abenteuer. Sie fühlen sich den Helden nahe, weil ihre Geschichte mit ihnen zu tun hat. Wenn ich das weiß, kann ich die Heldenreise gezielt nutzen, um mich und mein Leben besser zu verstehen. Ich kann mich fragen, wonach ich mich sehne und was ich erreichen will, was ich fürchte, glaube und hoffe und was es am Ende für mich zu gewinnen gibt. Die Heldenreise kann mir helfen, den nächsten Schritt zu tun oder mich ganz grundsätzlich weiterzuentwickeln und als Mensch zu reifen.

Man braucht aber nicht immer gleich so weit zu gehen: Das Schöne an den Heldenreisen ist ja gerade, dass andere für mich die Abenteuer bestehen und ich mich zurücklehnen kann. Insofern also: Genießen Sie‘s, wenn Sie das nächste Mal eintauchen in die Welt der Helden und Abenteurer.

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Katharina Becker


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Dieser Beitrag wurde am 19.05.2019 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de

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