Spurensuche, 18.05.2019

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Simone Veil – Für ein Europa der Versöhnung

Europawahl Schicksalswahl? Pater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche stellt Simone Veil vor, eine Mutter der europäischen Einigung. Geprägt von unfassbarem Leid setzte sich die Jüdin für Versöhnung ein.

Die Jüdin Simone Veil wurde 1927 in Nizza in einer akademisch gebildeten Familie geboren. Ihr Engagement als Französin für ein vereintes Europa hat deshalb besondere Bedeutung, weil sie als Jüdin Schreckliches von Deutschen erlebt hatte. Statt in Hass und Rache zu verfallen, hat sie sich in außergewöhnlicher Weise für Frieden und Versöhnung gerade mit Deutschland eingesetzt. Sie war eine Frau, die nach den Schrecken der Weltkriege Türen öffnen und offen halten wollte und offen hielt.

Friede und Versöhnung statt Hass und Rache

Bevor sie sich für Europa politisch einsetzte, hat sie Entsetzliches erlebt. Ihre Familie wurde von der deutschen Besatzung in Frankreich auseinandergerissen. Die Nazis deportierten ihren Vater und ihren Bruder nach Litauen. Beide kamen dort um. Eine Schwester engagierte sich in der französischen Résistance. Man brachte sie ins KZ Ravensbrück. Simone selbst kam 17-jährig mit ihrer Mutter und ihrer zweiten Schwester 1944 ins KZ Ausschwitz. Nach acht Monaten im Lager musste sie den Todesmarsch von Ausschwitz nach Bergen-Belsen mitmachen, wo ihre Mutter starb.

Nach ihrer Befreiung im April 1945 studierte Simone in Paris Jura. Dann gehörte sie mehreren französischen Regierungen als Ministerin an. Hier wuchs ihre Einsicht, dass Europa zusammen wachsen muss, wenn Frieden herrschen soll. Vor allem Deutschland und Frankreich müssten sich verbünden, um Europa zu einen. 1979 kandidierte sie für das Europaparlament und wurde sogar zu seiner Präsidentin gewählt. Außer vielen anderen Preisen und Auszeichnungen erhielt sie 1981 in Aachen den Karlspreis. Vor einem Jahr verstarb Simone Veil. Beigesetzt ist sie im Pariser Pantheon.

Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel sagte bei der Verleihung des Karlspreises in Aachen zu Simone Veil: „Sie selbst sind für uns Symbol des Friedens und der Versöhnung. Sie haben an sich selbst erfahren müssen, wie Verirrung, Hass und Größenwahn Menschenwürde in Blut ertränken lässt. Als Sie im Oktober 1979 im Andenken an Ihre ermordeten Eltern und den Bruder die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchten, sagten Sie: ,Nicht das deutsche Volk, sondern ein verbrecherisches, totalitäres Regime trägt die Schuld für die hier begangenen Gräuel der Vergangenheit. Tragen wir alle Sorge, dass nie wieder ein solches Regime, unter welcher Form auch immer, zur Herrschaft gelangt.‘ Sie haben verziehen. Sie kämpfen für das höchste Gut des Menschen, seine Würde. Wir verneigen uns vor dieser Größe.“1

Ein Vorbild für den Wert eines geeinten Europas

Wenn wir das heutige Ringen um Europa, das Streiten um die Zuständigkeiten und Kompetenzen des Kontinents, die Frage des Bleibens oder Austretens betrachten, müssen wir uns wohl nur schämen vor einer europäischen Vorkämpferin wie Simone Veil. Sie hatte am eigenen Leib die Bosheit durch Deutsche und durch getaufte Christen erlebt und vollbrachte das Wunder der inneren Versöhnung, des Vergebens. Gilt auch hier, was der Volksmund seit Jahrhunderten sagt: „Not lehrt Beten“. Not lehrt wohl auch Denken. Denken wir heute zu wenig?

Auch wenn Simone Veil keine religiös gläubige Jüdin war, so war sie doch eine Frau, die den Geist Jesu Christi vielleicht tiefer in sich trug als manche Getaufte. Jesus Christus stammte aus dem gleichen Volk wie die Familie von Simone Veil. Heute ist nicht die Bosheit vieler Menschen das Hauptproblem, sondern das mangelnde Denken, die Kurzsichtigkeit. Zu viele Bürger, die Wahlrecht haben, lassen sich von dem bestimmen, was die öffentliche Meinung sagt. Vielleicht sind auch die Medien in großer Gefahr, nur und mehr das zu vermitteln, was ankommt, was den Konsumenten gefällt, was die Kassen füllt. Europa wird wohl weniger von außen bedroht, als von innen. Befassen wir uns mit Simone Veil.

1 https://www.karlspreis.de/de/preistraeger/simone-veil-1981/laudatio-von-walter-scheel-bundespraesident-der-bundesrepublik-deutschland-a-d-und-karlspreistraeger-1977, abgerufen am 15.04.2019.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 18.05.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

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