Wort zum Tage, 13.05.2019

Verena Tröster aus Köln

Gartenruhe

Erst mal den Boden lockern. Das soll man doch, bevor man was Neues setzt. Also harke ich mal vorsichtig durch. Und bleibe hängen. Eine Wurzel hat sich an der Spitzharke festgesetzt. Ich ziehe und zum Vorschein kommt mehr Wurzelwerk. Die Erde bäumt sich hoch, je mehr ich ziehe, desto dicker und länger wird die Wurzel. Sie kommt von der nahen Hecke, vom Kirschlorbeer. Irgendwie hatte ich mir das hier einfacher vorgestellt,  lege die Harke mal beiseite und setze mich auf den kleinen Stapel Pflastersteine, mit denen ich eigentlich heute noch das neue Beet einrahmen wollte.

Ich lasse meinen Blick über den Garten schweifen. Ziellos. Und merke kaum, wie er sich mal auf dieses, mal auf jenes Gewächs legt. Auf die Minze, deren Ausläufer unbemerkt bis zu den Rosen gewandert sind, oder die Hortensien, diese wunderschön kompakten Sträucher, deren hellgrüne Triebe die Farbe ihrer Blüten noch nicht verraten wollen. Meine Augen bleiben ein bisschen auf den Pflanzen sitzen, um dann wieder davon zu fliegen - schmetterlingsgleich.

Aha, denke ich: Da ist sie ja wieder, die Gartenruhe. Den festen Stamm des Kirschlorbeers im Rücken, schließe ich meine Augen und fühle mich eins mit meinem Garten. Als sei ich eine überdimensionierte Raupe, die einfach gerade hierhin gehört.

Das ist ein besonderes Gefühl, diese Gartenruhe, die sich im normalen Alltag so selten einstellt. Es hat etwas Bedingungsloses: Ich bin jetzt einfach nur da und mehr soll ich auch gar nicht. Nichts wird von mir erwartet, nichts muss geleistet werden.

Ich fühle mich einfach nur richtig und auf eine seltsame Art gewollt, so wie ich bin. Komplett verschwunden sind Gedanken wie: Müsste ich hier nicht noch…? Oder: hab ich denn schon…? Was denkt man grad von mir? 

Der Garten scheint jedenfalls herzlich wenig zu denken. Der Garten ist einfach nur da. Und er möchte ganz offensichtlich, dass ich seine Ruhe mit ihm teile. Oder mehr noch, es kommt mir so vor, als wolle er Geborgenheit geben.

Komisch nur, dass ich jedes Mal wieder so lange brauche, um zu merken, dass er mir sagt: Wichtig ist jetzt nicht irgendetwas umzugraben, sondern wichtig ist, dass Du Dich einfach zu mir setzt. Fast ist es, als hörte ich ihn sagen: Bleib.


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Dieser Beitrag wurde am 13.05.2019 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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