Wort zum Tage, 02.05.2019

Dr. Peter Kottlorz aus Stuttgart-Degerloch

Der weiße Schmetterling

Ein weißer Schmetterling. Er flattert quer durch den Kirchenraum während einer Trauerfeier Ende Januar. Ein federleichtes Lebenszeichen, inmitten bleischwerer Trauer, für einen tödlich verunglückten jungen Mann. In Grenzsituationen wie  diesen ist man meistens starr, nimmt vieles nicht wahr, ist gelähmt, im Schock, eingesperrt in wortlosem Schmerz. In Grenzsituationen wie diesen ist man aber oft auch sensibler, durchlässiger und sieht Dinge, die man sonst nicht sieht. Zum Beispiel einen weißen Schmetterling in einer Kirche mitten im Winter. Mir ist was Ähnliches passiert beim Tod meines Bruders. Am Tag danach bin ich mit dem Fahrrad in die Natur gefahren und immer wieder flog ein weißer Schmetterling neben mir her. Und wie ich ihn so fröhlich neben mir herflattern sah, war ich mir absolut sicher, dass es meinem Bruder nun gut geht. Für mich war das ein Zeichen, ja eine Art Botschaft zwischen den Welten. Klar, der weiße Schmetterling in der Kirche im Januar lässt sich erklären: Mit einem warmen Winter vielleicht, im geschützten Kirchenraum. Und auch mein Schmetterling lässt sich sicher rational erklären, im Mai und neben meinen bewegten Beinen her, die ihn vielleicht zu mir gelockt oder ihm Windschatten gegeben haben. Und natürlich können Grenzsituationen auch Phantasiebilder oder Wunschvorstellungen hervorrufen. Ja, alles möglich. Aber zu diesem „alles möglich“, gehört für mich auch die Möglichkeit, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nicht erklärbar sind. Vielleicht noch nicht erklärbar sind, die es aber doch gibt.

Darüber habe ich auch in einem anderen Radiobeitrag gesprochen und die Hörer eingeladen mir zu schreiben, wenn sie ähnliche Erfahrungen im Umfeld von Sterben und Tod gemacht haben. Ich bekam 200 Zuschriften. Und es war so faszinierend wie  schön für mich in welch verschiedener Art und Weise die Menschen von ihren „Nach-Tod-Erfahrungen“ berichtet haben. Da war von stehen gebliebenen Uhren die Rede, oft von Träumen, die wie eine Nachricht empfunden wurden. Und auch von Naturphänomenen mit Pflanzen, Vögeln oder eben Schmetterlingen. In all ihrer Vielfältigkeit hatten sie aber eine doppelte Botschaft gemeinsam: dass es den Verstorbenen gut geht, da wo sie sind, und dass sie es gut mit uns Lebenden meinen…


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Dieser Beitrag wurde am 02.05.2019 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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