Wort zum Tage, 01.05.2019

Dr. Peter Kottlorz aus Stuttgart-Degerloch

Rasender Stillstand

„Rasender Stillstand“, so beschreibt ein Soziologe den Zustand des modernen Menschen. Mit der Wirtschaft als Hamsterrad, das ihn antreibe und in dem er wie verrückt auf der Stelle renne, ohne einen Schritt voranzukommen. Hartmut Rosa heißt der Soziologe. Und hat er Recht? Nun, ich bin kein Soziologe, aber ich erlebe viele Menschen, die durch ihre Arbeit mehr erschöpft als erfüllt sind. Erschöpft von einer Art Wirtschaft, die immer mehr produzieren muss und nie zu einem Ende kommt. Eine Wirtschaftsform, die in immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft gedrungen ist, in der sie nichts zu suchen hat. Krankenhäuser zum Beispiel, sollen keinen Profit abwerfen müssen, sondern Menschen heilen. Eigene Wohnungen und Häuser sollen sich auch wieder mittlere Einkommen und vor allem Familien leisten können. Und Arbeit soll nicht dem Kapital, sondern dem Menschen dienen. Denn die Ökonomisierung unserer Gesellschaft schafft Angst, sagt der Soziologe Rosa. Angst abzustürzen, wenn man nicht mitmacht. Als Land im globalen Wettbewerb und als Mensch, wenn man den Druck nicht mehr aushält. Und diese Angst verhindere, dass die Menschen wirklich glücklich sein können. Weil ihnen die Angst ihre „Resonanzräume“ nehme. Mit Resonanzraum meint er die Möglichkeit, sich und andere spüren zu können, sich lebendig zu fühlen und das Gefühl, etwas bewirken zu können. All unsere PCs, Handys und Smartphones sind für den Soziologen Rosa Ersatz für wirkliche Resonanzerfahrungen. Also viel äußeres Geklingel statt unsere inneren Saiten zum Klingen zu bringen.

Und was könnten echte Resonanzräume sein? Der Soziologe nennt scheinbar altmodische, ich würde aber eher sagen zeitlose Beispiele: Die Familie, Freunde, die Kunst, politisches Engagement und: Religion! Religion ist für den Soziologen Hartmut Rosa der Resonanzraum, der die Raserei zum Stillstand bringen kann. Weil sie den Menschen nicht antreibt, sondern sein lässt, ihn zur Ruhe kommen lässt, ohne dass er vorher etwas geleistet haben muss.

Der christliche Glaube ist hierfür ein sehr gutes Terrain. Und wenn es nur die Kirchen als Gebäude sind, die den Menschen zur Ruhe kommen lassen, mit ihrer Stille, mitten in allem Trubel und Lärm des Alltags. Und mit der äußeren Weite des Kirchenraums dem Menschen wieder zu mehr innerer Weite verhelfen. Oder ihn in Gottesdiensten heraus nehmen aus den Zwängen und Lasten unserer Leistungsgesellschaft. Und ihn so sein lassen wie Gott ihn geschaffen hat: als freien Menschen. Und nicht als Hamster im sich endlos drehenden Rad der Wirtschaft.


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Dieser Beitrag wurde am 01.05.2019 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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