Wort zum Tage, 15.04.2019

Dr. Rainer Dvorak aus Würzburg

Judas

Die Proben für die Passionsspiele im unterfränkischen Dammbach laufen auf Hochtouren. Die Szene ist kurz, aber fordernd. Und es ist sein Auftritt: „Sterben? Sterben?!“ ruft er, während er auf die Bühne stürmt. Ein Gefühlssturm bricht los. Außer sich vor Wut wirft er den Mitgliedern des Hohen Rates einen Stoffbeutel vor die Füße, die gerade entschieden haben, dass der Nazarener sterben soll. „Ihr habt mich zum Verräter gemacht!“ Münzen fallen heraus und rollen in alle Richtungen. Verzweifelt sinkt er auf die Knie, schreit seinen Selbsthass hinaus, verdammt seine Habgier und seinen Ehrgeiz. Als er schließlich verstummt, klatschen die anderen Darsteller spontan Beifall. 

Thomas Fries hat kleine Schweißperlen auf der Stirn. Der 47-Jährige hat die Rolle des Judas ergattert. Und die ist heiß begehrt. Denn wer den Judas gut spielt, der genießt hohe Achtung! Er weckt bei den Zuschauern Gefühle von Abscheu und Bewunderung zugleich, wenn Judas zeigt, was er alles ist: verschlagen, geldgierig, hasserfüllt, falsch und intrigant. Hinterhältig fädelt er die Verhaftung Jesu ein. Er lotst die bis an die Zähne bewaffneten Gegner Jesu nachts nach Getsemane, um den Wehrlosen festzusetzen. Und dann der Höhepunkt des falschen Spiels: Judas küsst Jesus – der Gipfel des Heimtückischen, denn der Kuss gilt nicht dem Meister, sondern den Soldaten im Hintergrund als Zeichen für den Zugriff. So haben Judas wohl die meisten im Ohr und vor Augen: als Verräter.

Doch Thomas Fries sieht ihn anders: Das Zwiespältige dieser Person sei faszinierend. Judas ist eigentlich ein Guter. Er und Jesus waren enge Freunde, sagt der Schauspieler. Aber Judas habe gemerkt, dass Jesus einen anderen Weg einschlägt. Deshalb wollte er mit seinem Verrat etwas anderes bezwecken: Dass Jesus endlich seine Stärke und seine Macht zeigt! Judas habe durch den Verrat erreichen wollen, dass Jesus die ungeliebten Römer aus dem Gelobten Land vertreibt und sozusagen politisch aktiv wird.

Ich kann dieser Sicht manches abgewinnen: Judas – also kein Problemjünger, sondern eher eine Art Musterschüler? Ein Idealist, der für seine Vorstellungen brannte? Einer, der so gepackt und überzeugt von Jesus war, dass er es einfach nicht mehr erwarten konnte?

Ist Judas also ein Lügner und Verräter? Oder ist er einer, der Jesus besonders liebt, ihn verehrt und alle seine Erwartungen in ihn setzt, also in bester Absicht handelt? Vielleicht ist er ja beides. Und darüber wird er zur tragischen Figur. Seine Tragik besteht darin, dass er den Glauben verloren hat. Den Glauben daran, dass Gott - wie es in der Bibel einmal heißt - das Schwache in der Welt erwählt hat, um das Starke zuschanden zu machen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 15.04.2019 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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