Am Sonntagmorgen, 05.05.2019

von Dr. Johannes Schießl aus München

Irrationalität. Die andere Seite des homo sapiens

„Es ist ein entsetzliches Schauspiel, wenn Irrationalität populär wird.“

Dieser Satz stammt nicht aus unseren Tagen, kein Geringerer als Thomas Mann hat ihn formuliert - 1943 in seiner Rede „Schicksal und Auftrag“. Und doch scheint er heute fast so aktuell zu sein wie damals: „ein entsetzliches Schauspiel, wenn Irrationalität populär wird“.

Ist in Zeiten von „Fake news“ und „alternativen Fakten“ die Vernunft an ein Ende gekommen? Sind das Bild vom Homo sapiens und der Glaube an den langfristigen Vormarsch der Vernunft also zu revidieren? Es lohnt sich, diesen Fragen einmal ganz grundsätzlich nachzugehen. Aber keine Sorge: Die Beschäftigung mit der Irrationalität wird hier stets rational bleiben. – Denn anders ist sie gewinnbringend auch gar nicht möglich.

Wofür steht dieses schillernde Wort „irrational“ eigentlich? Für Widervernünftiges, in seinen Gründen und Folgen zu wenig Durchdachtes, so möchte man antworten. Aber gibt es neben derlei „Irrationalem“ vielleicht auch „A-Rationales“, das sich zwar dem Verstand entzieht, aber dennoch seine Berechtigung hat? In Glaubensfragen etwa? Das Wort „irrational“ stammt ursprünglich aus der Mathematik und hat seine philo-sophische Karriere erst spät angetreten. Doch Standardtheorien dazu gibt es nicht, das Thema ist sperrig, unübersichtlich – aber ich meine: eben deswegen auch spannend.

Seit den griechischen Anfängen gebe es viele Geschichten der Vernunft und der Unvernunft, meint der Münchner Philosoph Wilhelm Vossenkuhl. Und diese Geschichten könnten auch noch sehr verschieden erzählt werden. Es gebe die Geschichte der ständigen Perfektionierung, die des allmählichen Verfalls, die der fruchtbaren Auffächerung oder die der heillosen Verwirrung und Selbstzerstörung.

„Wenn wir zurückschauen auf die Anfänge, fällt uns auf, dass das, was wir ,Vernunft‘, ,Verstand‘ oder ,Rationalität‘ nennen, viele Namen hatte. Die griechischen Worte lógos, nous, phrónesis, diánoia, oder sophía übersetzen wir mit den Worten ,Vernunft‘ und ,Verstand‘. Ähnlich verfahren wir mit den lateinischen Worten rátio, intelléctus, mens, ánimus, spíritus. Dabei rechnen wir rátio und intelléctus eher dem zu, was wir ,Verstand‘ oder ,Rationalität‘ nennen.“

Wilhelm Vossenkuhl betont, dass es gerade das Unsichtbare war, was die Griechen und das lateinische Mittelalter besonders interessierte – das Unsichtbare, das mit ,nous‘ und ,sophía‘, aber auch mit ,mens‘ und ,spíritus‘ gemeint ist. Diesen Ansatz können Menschen von heute, die ganz von der Naturwissenschaft geprägt sind, kaum noch nachvollziehen, sie deuten das Seelische eher als etwas Literarisches oder gar bloß Fiktionales, so Wilhelm Vossenkuhl.

„Das Wort ,irrational‘ wird erst im 19. Jahrhundert gebräuchlich. Es wurde damals keineswegs abwertend verwendet, sondern, ähnlich wie ursprünglich bei Platon das Wort ,Seele‘, für das Unsichtbare. Das Unsichtbare und Unbegreifliche war mit dem Irrationalen gemeint. Vertraut wurde das Wort durch die Art von Zahlen, die man wie die Zahl Pi nicht – wie die rationalen Zahlen – als Bruch darstellen kann, weil sie nach dem Komma kein Ende haben.“

Für Hegel ist Irrationales „ein Beginn und eine Spur der Vernünftigkeit“, für seinen Konkurrenten Schopenhauer „vernunftloser Intellekt“. Das hört sich alles nicht so negativ an, wie wir heute das Wort Irrationalität verwenden. Dazu kommt noch ein zweiter Zusammenhang: Rationalität kann in Irrationalität umschlagen, wie das so unterschiedliche Denker wie Nietzsche, Heidegger oder Adorno diagnostiziert haben.

Gemeinsam mit Max Horkheimer veröffentlichte Theodor W. Adorno im Jahr 1944 die „Dialektik der Aufklärung“. Die Rationalität der Aufklärung schlage in Irrationalität um, der Mythos der Aufklärung werde selbst zu einer Mythologie, aus der eigentlich positiven Befreiung werde Unfreiheit. Eine Rationalität, die mit Herrschaft verbunden wird, schaffe letztlich die Leiden, die dann im Nationalsozialismus Normalität wurden: den Antisemitismus und die massenhafte Vernichtung menschlichen Lebens. Trotzdem werde dadurch nicht die Vernunft als Ganzes diskreditiert, sondern ihre Auswüchse, meint Wilhelm Vossenkuhl. Er verortet die Ursprünge dieses Gedankengangs aber noch viel früher:

„Immanuel Kant war der erste, der überhaupt die Gefahr eines Umschlagens des vernünftigen Denkens ins Irrationale erkannte. Er warnte davor, die Grenzen dessen, was der Verstand leisten kann, zu missachten und so zu tun, als könnten wir jenseits dieser Grenzen etwas erkennen. Die Vernunft kann mit ihren Ideen zwar zur eigenen Orientierung in Richtungen schauen, die mit den Namen ,Freiheit‘, ,Gott‘ und ,Unsterblichkeit‘ bezeichnet werden. Erkennen kann sie dabei aber nichts.“

Es gibt also Grenzen der Rationalität. Nicht in dem Sinn, dass sie irgendwo aufhören müsse und jenseits dessen die Herrschaft der Irrationalität beginnen würde. Sondern eher in dem Sinn, dass sie selbst nicht totalitär werden darf. Andererseits ist es aber auch so, dass in einem sich aufgeklärt wähnenden Zeitalter wie unserem Irrationalität keineswegs erledigt ist. Von irrationalem Aberglauben sind wir keineswegs befreit. wie das tägliche Horoskop, die hohen Auflagen der Rezepte zum Glücklichwerden und vor allem die Wirksamkeit von Verschwörungstheorien zeigen. Das, so Wilhelm Vossenkuhl, gelte auch für die scheinbar allgegenwärtige ökonomische Rationalität unserer Tage:

„Die selbstverschuldete Unmündigkeit ist nicht kleiner geworden, der Aberglaube auch nicht. Aber auch der Rationalitäts-Glaube ist ein Aberglaube. Er ist dann ein Aberglaube, wenn das Vertrauen in die menschliche Rationalität unkritisch und verantwortungslos ist. Wer die Verantwortung für die ärmer werdenden Menschen ernst nimmt, für die Umwelt und für die Menschen, die vor Armut und Verzweiflung aus ihrer Heimat flüchten, der verhält sich nicht ökonomisch rational. Er ist aber auch kein Opfer des Aberglaubens an die Rationalität. Wer jene Verantwortung gegen die ökonomische Rationalität annimmt, der verhält sich in Wahrheit vernünftig und gut.“

Es ist eine durchaus verworrene Lage, die der widersprüchlichen Welt entspricht, in der wir leben. Unser Alltagsverhalten erscheint uns rational, und zwar aus dem einfachen Grund, weil wir uns daran gewöhnt haben, meint der Münchner Soziologe Armin Nassehi. Wenn man aber genauer hinschaue, seien viele Dinge nicht so rational, wie wir meinen.

„Der Rationalität geht es immer um die Frage des Verhaltens und Handelns. Man kann sagen, dass es in der Zeit vor der Aufklärung, die Grundidee gab, dass die Handlung und die Welt in eins gebracht werden müssen, damit eine Handlung rational zu nennen ist. Erkenntnistheoretisch kennen wir das von Thomas von Aquin als die Idee, dass das Erkannte und das Erkennen in Deckung zu bringen sind.“

In einer solchen Welt ist dann auch relativ klar, was richtig und was falsch ist. Doch der Soziologe von heute wisse, dass es immer Handlungsalternativen gebe, meint Armin Nassehi. Das Kontinuum zwischen Handlung und Welt habe sich aufgelöst, das Wissen habe sich gegenüber dem Religiösen emanzipiert. Das führe dazu, dass es nun unterschiedliche Rationalitäten gebe. Armin Nassehi ist der Überzeugung, dass Rationalität in den Kontexten entstehe, in denen wir uns bewegen. Und er nimmt dabei Bezug auf Max Weber:

„Dieser vielleicht größte Soziologe hat interessanterweise die Rationalität sehr stark gemacht und dabei einen sehr formalen Begriff verwendet. Für ihn ist handeln dann rational, wenn ich die Gründe für das Handeln relativ eindeutig bestimmen kann. Und Max Weber unterscheidet dann vor allem zwischen Wertrationalität, Zweckrationalität, affektueller Rationalität und traditionaler Rationalität.“

Wertrational bedeutet, dass ich zugunsten eines Wertes auf Geld, Leben oder auch nur Anerkennung verzichte, was unter zweckrationalen Gesichtspunkten als ziemlich irrational zu bezeichnen wäre. Für affektuelle und traditionale Rationalität verwendet Nassehi das Bild eines am Boden liegenden und leidenden Mannes. Emotional kann ein solcher Anblick erschrecken, Tradition hingegen kann zum Helfen bewegen. Verschiedene Rationalitäten können sich also radikal widersprechen, eine Gesamt-Rationalität der Gesellschaft könne man nicht einmal mehr als eine regulative Idee annehmen. Stattdessen plädiert Armin Nassehi für eine Systemrationalität:

„Die Gesellschaft produziert immer mehr Uneindeutigkeiten, man könnte sagen, Irrationalitäten. Wissenschaftler, Politiker, Ökonomen, Kirchenleute, Leute im Rechtssystem, Mediziner und Medienleute sollten zumindest eine Idee davon haben, dass ihre eigene Rationalität die andere Rationalität anderer Rationalitäten ist. Systemrationalität würde zumindest darauf hinweisen, ob man in der Lage sein könnte, die Differenz zwischen den eigenen Unterscheidungen und den anderen wenigstens in Rechnung zu stellen.“

Die Quintessenz lautet: die zu starke Konzentration der jeweiligen Rationalitäten auf sich selbst produziert irrationale Folgen. Armin Nassehi hält das allerdings für vermeidbar, nämlich durch eine Art „Übersetzungsmanagement“ zwischen den unterschiedlichen Logiken. – Doch wie steht es nun um die religiöse Teilrationalität? Sie ist ja durchaus ein Sonderfall, denn Religion hat den Anspruch, die ganze Wirklichkeit zu erklären. Natürlich gibt es auch irrationale Entgleisungen des Glaubens. Der Berliner Philosoph Holm Tetens fasst sie mit Blick auf das Christentum in drei Gruppen zusammen:

„Da ist zunächst die Gruppe, die von sich sagt: Credo quia absurdum, auf Deutsch: Ich glaube, weil es absurd ist. Dann gibt es da alle Arten von fundamentalistischem Biblizismus, der meint: Jeder Satz der Bibel ist wortwörtlich wahr und als direktes Wort Gottes geheiligt und sakrosankt. Und schließlich sämtliche Glaubenskreuzzüge im Namen Gottes, das will sagen: Menschen erklären sich zu Sprachrohren und Werkzeugen Gottes, der sie dazu autorisiert, dass Anders- und Nichtgläubige verfolgt und unterdrückt, ja sogar getötet werden sollen und dürfen.“

Doch das sind nur Irrwege. Letztlich geht es um eine viel grundlegendere Frage, nämlich um das Verhältnis von Gottesglauben und Vernunftvertrauen. Für Holm Tetens sind Glaube und Vernunft keine Gegensätze, was er so begründet: Die Annäherung an das Ideal der Vernunft ist für den Menschen wesentlich und muss gottgewollt sein, wenn der Mensch Gottes Geschöpf ist.

Ein Gedankengang, der gar nicht so weit entfernt ist von der Enzyklika „Fides et ratio“ – übersetzt: „Glaube und Vernunft“ –, von Papst Johannes Paul II. An vielen Stellen dieses Textes spürt man auch die Handschrift seines Nachfolgers, des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger. In dieser wohl einzigen im engeren Sinn philosophischen Enzyklika des 20. Jahrhunderts werden die fatalen Folgen einer Trennung von Glauben und Vernunft beschrieben.

Eine Vernunft, die ohne den Beitrag des christlichen Glaubens bleibt, steht in der Gefahr, das letzte Ziel aus den Augen zu verlieren. Und ein Glaube, dem die Vernunft fehlt, steht in der Gefahr, das Emotionale überzubetonen und so kein universales Angebot mehr machen zu können. Es sei illusorisch zu meinen, angesichts einer schwachen Vernunft besitze der Glaube größere Überzeugungskraft. Vielmehr gerät er in die ernsthafte Gefahr, auf Mythos beziehungsweise Aberglauben reduziert zu werden. Was dann nichts anderes als Irrationalität wäre. Und das wäre fatal. So sei abschließend der fast poetische Eingangssatz von „Fides et ratio“ zitiert:

„Glaube und Vernunft sind letztlich wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen kann.“

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 05.05.2019 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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