2. Sonntag der Osterzeit -
Sonntag der Barmherzigkeit

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Georg, Amberg


Predigt von Dekan Pfarrer Markus Brunner

„Die Botschaft hör ich wohl …“

Es gibt einen Kurzfilm von Karl Valentin, der heißt „Im Photoatelier“. Worum geht es? Für uns ist der Anfang des Sketches interessant.

Der Inhaber des Ateliers kündigt seinen beiden Mitarbeitern an, für ein paar Tage außer Haus zu sein. Für den Gesellen Heinrich – gespielt von Karl Valentin - und den Lehrling Alfons – Liesl Karlstadt – ist es eine ausgemachte Sache: da lassen wir es uns gut gehen. Wenn Kundschaft kommen sollte, machen wir einfach die Tür nicht auf.

Der Meister geht und sofort wird die Tür von innen verriegelt.

Plötzlich schellt es. Die beiden verhalten sich still und rühren sich nicht vom Fleck.

Es läutet ein zweites und drittes Mal. Aber Heinrich und Alfons denken nicht daran zu öffnen.

Und schon poltert es an die Tür: „Hört ihr denn nicht? Macht sofort auf!“

Es ist die Stimme des Chefs! Blitzschnell wird die Tür entriegelt.

Halb fragend, halb anklagend fordert der Meister die beiden heraus: „Ja, habt ihr denn nicht gehört, dass ich sechs Mal geläutet habe?“

„Nein“, entgegnet der kleine Alfons, „ es war nur drei Mal.“

Und Heinrich versucht sich zu rechtfertigen: „Ich hab‘ g‘horcht und g‘horcht und plötzlich, auf einmal hab ich nichts gehört.“

Vom rechten Hören

Eine „Valentinade“! Wie kann man horchen und nichts hören? Das gibt’s doch nicht.

Doch, das gibt‘s. Die scheinbare Groteske ist eine alltägliche Erfahrung.

Irgendjemand erzählt uns etwas, das ihm auf dem Herzen liegt, er muss es unbedingt loswerden.

Wir hören zwar, aber nur mit halbem Ohr.

Plötzlich werden wir mit einer entwaffnenden Frage ertappt: „Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?“ – „Hm, ja.“ – „Und, was hab ich gesagt?“ Da kommt es dann auf, dass wir zwar gehört, aber nicht zugehört haben.

Karl Valentin hat also doch Recht – hören ist nicht gleich hören.

Um das aufzunehmen, ja in sich hineinzulassen, was einem gesagt wird, braucht es in Bezug auf das jeweilige Gegenüber echtes Interesse, Aufmerksamkeit und Vertrauen.

Darum geht es auch im Evangelium, das uns alljährlich am 2. Sonntag der Osterzeit, dem Weißen Sonntag, verkündet wird.

Die Botschaft hör ich wohl …

Die Person, um die es da geht, ist nicht so sehr der Auferstandene. Freilich dreht sich letztlich alles um ihn. Aber vielmehr ist die Haltung des Thomas interessant.

Er glaubt nicht, was die übrigen Apostel ihm freudig mitteilen: „Wir haben den Herrn gesehen“ (Joh 20,25).

Ihm fehlt das Vertrauen in das, was sie sagen. Zu eindeutig und zweifellos ist der Tod des Meisters.

Seine Meinung von dem, was ihm die anderen sagen, spiegelt ein uns bekanntes Sprichwort aus Goethes „Faust“ wider: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Thomas nimmt lediglich wahr, was ihm die übrigen Apostel versichern.

Das, was ihm da als unglaublich Neues mitgeteilt wird, geht nicht tiefer, es erreicht nicht sein Herz, weil er zweifelt, weil er nicht glauben kann, angesichts dessen, was doch so offensichtlich ist: Der Herr und Meister ist tot. Aus, Amen!

Dabei hätte er nur genau hinhören brauchen, was Jesus zu Lebzeiten verkündet hat: Er müsse leiden und sterben, aber nach drei Tagen werde er auferstehen (vgl. Mk 8,31).

Nun, ganz kann man es dem Thomas wiederum auch nicht verdenken, dass er sich schwer tut. Er wird kein von übergroßer Skepsis geprägter Jünger gewesen sein, zumindest können wir in den Evangelien nichts lesen, was darauf hindeuten würde.

Um ihn zu verstehen, müssen wir uns in seine Lage versetzen. Im Gegensatz zu den übrigen zehn Aposteln hat er den Auferstandenen weder gesehen noch gehört. Und die Realität des Todes Jesu ist so unumstößlich, dass er verständlicherweise einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Aussage verlangt.

Allerdings weiß er auch: Zu ehrlich war die Verehrung und die Anhänglichkeit gegenüber dem Meister, zu groß die Trauer über seinen Tod, als dass sich die Apostel einen Scherz erlauben würden.

Dennoch können sie die Zweifel des Thomas nicht beseitigen. Er fordert einen Beweis.

Den sollte er bekommen. Der Herr selbst nimmt ihm seine Skepsis, indem er dem Thomas begegnet und ihn die Spuren seines Leidens berühren lässt.

Weil er nicht glauben kann, was er hört, will Thomas sehen, was er glauben soll.

Im Hinhören Gott im Auferstandenen erkennen

Das Schauen kann ein Schlüssel der Erkenntnis sein, wenn das Hören nicht ausreicht. Aber zunächst hat Gott zu uns gesprochen, und zwar durch seinen Sohn (vgl. Hebr 1,1). Er ist das Wort des Vaters an uns Menschen. Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott das getan – und er tut es immer noch.

Wir haben mehrere Möglichkeiten, die Stimme Gottes zu vernehmen:

- Er spricht zu uns in der Heiligen Schrift.

- Er spricht zu uns durch das Glaubenszeugnis der vielen, die ihm nachgefolgt sind, teils unter Hingabe ihres Lebens, wie es beim heiligen Georg der Fall gewesen ist.

- Er spricht zu uns, wenn wir in uns hineinhören und in der Stille tief in uns erkennen, dass Gott uns durch verschiedene Ereignisse etwas sagen möchte.

Gott klopft an unsere Tür, damit wir ihm aufmachen. Er hat dabei große Geduld mit uns. Er tut es immer wieder, damit wir ihn erkennen und Gemeinschaft mit ihm haben.

Damit das gelingen kann, müssen wir von unserer Seite eigentlich gar nicht viel tun. Wir brauchen lediglich die Geduld, hinzuhören, genau hinzuhören, denn Gottes Stimme ist oft leise und unscheinbar – aber vernehmbar.

Erinnern wir uns an die Ausrede des Gesellen Heinrich aus dem Photoatelier: „Ich hab‘ g‘horcht und g‘horcht und plötzlich, auf einmal hab ich nichts gehört.“

Wer aufmerksam horcht, der hört auch etwas.

Der kann das erwähnte Zitat von Goethe entsprechend überarbeiten: „Die Botschaft hör ich wohl, sie bewirkt in mir den Glauben.“

Der Auferstandene spricht zu uns, ja, seine Auferstehung ist sprechende Verheißung, Anteil zu haben am Göttlichen.

Der Glaube daran weckt in uns das Bekenntnis des Thomas, so dass auch wir sprechen können: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28).

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 28.04.2019 gesendet.





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