Ostersonntag, 21.04.2019

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Joseph, Berlin-Wedding


Predigt von Erzbischof Heiner Koch, Berlin

Es gilt das gesprochene Wort! 

Wer heute an Europa denkt, denkt an Brexit: Wie kommen die Briten möglichst schnell da raus, wenn sie überhaupt noch raus wollen? Woche für Woche neue Abstimmungen, neue Unlösbarkeiten. Wo aber wird auch angesichts der bevorstehenden Europawahl noch irgendeine Vision für Europa vernehmlich, die den Menschen und unserer Gesellschaft dient? Wo bleiben da noch die Zukunftsvisionen für ein Europa, für die es sich lohnt, Mühen und Einsatz auf sich zu nehmen?

Nicht nur in der Frage nach Europa drohen wir in der Geschäftigkeit des Augenblicks unterzugehen. Wir brauchen alle Kraft, nur um den heutigen Tag zu meistern. Wir brauchen auf vielen unserer Lebensfelder alle Energie, um gerade noch den heutigen Tag zu bewältigen. Perspektiven für die Zukunft bleiben da auf der Strecke. Wen interessiert dann noch, ob es zukünftig ein Leben nach dem Tode gibt. Wir sind genug damit beschäftigt, den heutigen Tag zu absolvieren.

Dabei ist es für die Gegenwart so entscheidend, welche Perspektive und welche Hoffnung wir auf die Zukunft hin haben: Was soll zukünftig sein, was wollen wir erreichen? Woraufhin leben wir? Was kommt auf uns zu, was ist unsere Zukunft? Die Beantwortung dieser Fragen ist entscheidend für die Gestaltung des Wegs in unserer Gegenwart. Wenn ich nicht zielorientiert lebe, darf ich mich nicht wundern, an Zielen anzukommen, die ich nie erreichen wollte.

Ostern spricht vom großen Leben in Gottes Herrlichkeit, das auf uns zu kommt, auf das wir hin unterwegs sind. Ostern reißt die Grenzen der irdischen Gräber auf und verkündet, dass das Leben über unseren Tod hinausgeht. Ostern erzählt von der großen Hoffnung, dass das wahr wird, was die Menschen in Jesus Christus, in seinen Worten und Taten, in seinem Sterben uns Auferstehen erlebten: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Als Christen glauben wir, dass Gottes gute Hand uns hält und führt, hier auf Erden und auch in der Stunde unseres Todes und in alle Ewigkeit.

Gott zieht seine Liebe nie zurück, wir bleiben in Gottes guter Hand. Deshalb gilt, was Paulus sagt: „Unsere Heimat ist im Himmel!“ (Phil 3,20). Der Stein vor den Gräbern dieser Welt ist weggerollt.

Wer sich auf diese Perspektive einlässt, wird jetzt schon im Leben erfahren: Diese Botschaft verändert die Gegenwart. Wer im Glauben überzeugt ist, dass die Fülle des Lebens ihn nach dem Tod erwartet, der wird jetzt schon mutig, engagiert und kraftvoll sich für das Leben einsetzen gegen alle Lebensbedrohungen hier auf Erden, gegen alle politischen, persönlichen und gesellschaftlichen Mächte, die die Lebensweite für die Menschen einschränken wollen. Wer jetzt schon an die österliche Botschaft Christi glaubt, der wird jetzt schon erfahren, dass Gott ihn auf diesem Weg nicht alleine lässt, der spürt jetzt schon die Nähe des Auferstandenen, die Zukunft eröffnet und Hoffnung gibt. An Ostern hat uns Gott schon für unser Heute ein neues Leben eröffnet. Christen sind Menschen der Zukunft, sagt der Heilige Augustinus. Prägt die Zukunft Gottes, die unsere Zukunft ist heute schon unsere Gegenwart, auch in Stunden des Leids und des Elends?

Für diese Hoffnung stehen wir Christen und wir stehen für sie mit der Einladung an unsere Zeitgenossen, sich auf diese Botschaft einzulassen. Gerade in unserer Gesellschaft, in der so viele nicht über den Tellerrand der Gegenwart hinaus schauen und spätestens den Tod für eine unüberwindbare Grenze halten, stehen wir Christen in Verantwortung für die Verkündigung dieser Botschaft und ihrer Hoffnung.

Boten der Zukunft sein, Gesandte der Zukunft Gottes mit uns zu sein, Gesandte des österlichen Evangeliums sein – das ist es für uns Christen, dass ist es, was uns Christen gerade heute in unserer Zeit anvertraut ist.

Amen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 21.04.2019 gesendet.





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