Spurensuche, 20.04.2019

von Dr. Ute Stenert aus Bonn

Kirche in der digitalen Mediengesellschaft

Digitalisierung ist das Megathema unserer Zeit: Bezahlung in Restaurants per Augenscan und selbstfahrende Autos; Roboter, die in der Pflege eingesetzt werden, und demenzkranke Menschen, die ein sprechendes Plüschtier in die Hand bekommen, damit sie sich nicht allein fühlen. Dies sind nur einige der digitalen Möglichkeiten, die bereits im Alltag genutzt werden. Und all dies ist erst der Anfang. Die Digitalisierung hat weitreichende Folgen für alle gesellschaftlichen Bereiche: Politik, Wirtschaft, Gesundheitssystem, Bildung und natürlich Kommunikation.

Und Letztgenannte ist für den christlichen Glauben elementar. Es gibt so etwas wie eine Mystik, ein Geheimnis des Kontaktes, des In-Beziehung-Tretens. Denn in der gelingenden Begegnung miteinander geschieht, theologisch gesprochen, Heilung und Heil. Die katholische Kirche interessiert sich daher für die Qualität und damit für die Menschendienlichkeit der Medienkommunikation in all ihren technischen Entfaltungen und Möglichkeiten.

Die Würde des Menschen im Schutz seiner Daten bewahren

So ist nach wie vor die Medienschrift der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit“1 aus dem Jahr 2016 von hoher Aktualität. Die Stichworte Big Data, Industrie 4.0 und Robotik und „Maschinen-Verantwortung“ spielen hier eine Rolle. Die Bischöfe beurteilen den digitalen Wandel nach den Grundprinzipien der Katholischen Soziallehre. Ihre zentrale Forderung lautet: Die Würde, die Persönlichkeit und die Selbstbestimmung des Menschen müssen nicht zuletzt durch den Schutz seiner Daten bewahrt werden. Ziel muss es sein: die Personalität und die Sozialität des Menschen als Ebenbild Gottes bewusst zu erkennen, zu erhalten, zur Entfaltung zu bringen und bei Bedarf auch zu verteidigen.

Menschenwürde und Freiheit geraten in Gefahr, wenn der Mensch nicht mehr über seine Daten bestimmen kann. Die Medienschrift ist seither grundlegend für das bischöfliche Plädoyer nach einer neuen Sensibilität für den Wert persönlicher Daten. Ihnen ist zudem ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz wichtig. Hass und Verrohung der Kommunikation im Netz bedürfen wacher Aufmerksamkeit. Die in der analogen Welt geltenden rechtlichen, ethisch-moralischen und kulturellen Standards sollten auch für die digitale Welt gelten.

Die katholische Kirche ist nicht nur ein konstruktiv-kritischer Beobachter der Kommunikationsentwicklungen. Natürlich ist sie selbst auch Kommunikator. Es ist ihr Auftrag, gerade auch über die Medien die Botschaft Jesu zu verkündigen. Aber hat die Kirche bei den gewaltigen Umbrüchen noch eine wahrnehmbare Stimme? Was muss sie tun, um die Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen? Oder ist es gar so, dass Religion heute grundlegend an Bedeutung verloren hat?

Der Auftrag, die Botschaft Christi zu verkünden, bleibt

Nein, Religion ist nicht verschwunden. Religion bleibt wichtig, auf gesellschaftspolitischen Ebene wie auf Ebene der individuellen Sinnsuche. Aber eines ist klar: die Zuwendung zu religiösen Inhalten ändert sich. Zunehmende Individualisierung und Selektivität sind dafür der Grund. Und es gibt eine zunehmende Konkurrenz der „Sinnanbieter“. Das erschwert die Wahrnehmung der Stimme der Kirche. So ist die Auffindbarkeit eine große Herausforderung für die kirchliche Medienarbeit. Eine weitere ist der rasante Medienwandel: Technische Innovationen treiben diesen voran. Es findet eine Fragmentierung der Nutzermärkte statt. Immer neue Verbreitungswege entstehen. Das Mediennutzungsverhalten hat sich geändert, längst hat sich die zeitsouveräne und ortsunabhängige Nutzung etabliert. Nutzer sind nicht nur Konsumierer, sondern zugleich auch Programmgestalter und Inhalteproduzent.

Dieser Wandel hat weitreichende Folgen für das soziale Gefüge unserer Gesellschaft. Er hat Einfluss auf die Berichterstattung und letztlich auch auf die christliche Botschaft, die medial transportiert wird. Wenn sich die Kirche nicht mit den immer rascher voranschreitenden Entwicklungen auseinandersetzt, verliert sie an Sprachfähigkeit und an Präsenz in der Öffentlichkeit und bei den Menschen. Die Verantwortungsträger in der Kirche wissen um diese Notwendigkeit, gerade in den letzten Jahren und Monaten hat sich Einiges bei der diözesanen und überdiözesanen Medienarbeit getan. Vielen Medienabteilungen sind mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt worden, weil das Invest in diese als wichtig für die Verbreitung der Frohen Botschaft erkannt worden ist.

Allen Veränderungen zum Trotz: Bange muss die Kirche weder als gesellschaftspolitischer Akteur noch als eigener Kommunikator in die Zukunft blicken. Entscheidend bleibt, dass sie sich weiterhin für eine gelingende Kommunikationskultur einsetzt. Diese zu fördern oder dort zu schaffen, wo sie nicht vorhanden ist, ist ihre vordringliche Aufgabe. Und letztlich auch die aller Christinnen und Christen.

1 „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit. Impulse der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz zu den Herausforderungen der Digitalisierung“, Bonn 2016.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 20.04.2019 gesendet.


Über die Autorin Ute Stenert

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Geschäftsführerin der katholischen Rundfunkarbeit und Leiterin des Referats Rundfunk und Medienethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Als freie Autorin ist sie zudem für unterschiedliche Medien tätig.

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