Morgenandacht, 11.05.2019

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ aus Hildesheim

Zu eigener Größe finden

Mose gehört zu den großen Figuren der jüdisch-christlichen Tradition. Er ist einer der Väter des Glaubens. Dabei ist Mose keiner, der nur gehorcht. Er diskutiert mit Gott, ja, er streitet mit ihm, will nicht einfach nur ein fügsamer Diener sein. Mose ist widerspenstig und eigensinnig. In ihm zeigt sich die Schwierigkeit des modernen Menschen. Der beharrt darauf: Ich habe ein Recht auf mein Leben. Warum also soll ich nach den Regeln eines anderen leben? Mose akzeptiert die Weisungen Gottes nicht einfach so. Er hinterfragt sie, zweifelt. Ist skeptisch und möchte mehr: Mehr an Überzeugung, Mehr an Glauben, vor allem aber Mehr an Gott. Da hat sich in den Jahrtausenden bis heute nichts geändert…

Und noch etwas hat sich nicht geändert: Hinter einem bedeutenden Mann steht oft eine starke Frau. Mindestens eine. Bei Mose sind es sogar vier Frauen, die ihm, dem Retter des Volkes Israel, das Leben retten. Weil sie unbequeme, kreative und vor allem mutige Entscheidungen treffen. Ja, die Rettung des Volkes liegt auch in den Händen dieser Frauen.

Da ist die Mutter des Moses, die ihren Sohn hergibt, um ihm das Leben zu retten, und ihn in einem Binsenkörbchen am Nil aussetzt. Dann die Tochter des Pharaos, die den Säugling aus dem Wasser holen lässt und aufnimmt. Ihn erzieht als ihren Sohn mit allen Privilegien des Hofes. Und Mirjam, die ältere Schwester des Moses, die für ihn Amme war. Durch Mirjam reißt das Band zwischen Mose und seiner eigenen Familie nicht ab. Das Band zu seinem Volk. Aber was wäre Mose ohne seine Frau: Zippora. Als Gottes Zorn gegen ihren Mann entbrennt, da steht sie auf – für ihren Mann und gegen Gott. Sie akzeptiert Gottes Wut nicht. In einer Gesellschaft, in der die rituelle Erfüllung religiöser Gesetze fest in der Hand der Männer liegt, zeigt sie ihrem Mann, dem Propheten, wie man mit Gott umgeht. (vgl. Ex 4,24)

Und Mose? Er muss lernen, dass Gott den, den er anspricht und erwählt, ganz an sich reißt. Mit allen Konsequenzen. Aber Mose ist auch ein Aufständischer, der nicht einfach auf den Knien vor Gott liegt, sondern der ihm auch die Stirn bietet – und zugleich die Stirn senkt, wenn ihn religiöse Erfahrung in die Knie zwingt. Mose buckelt nicht, er richtet sich auf. Immer wieder. Auf diese Weise ist er in Kontakt mit Gott. In diesem Aufstehen gegen, aber auch mit und für Gott, zeigt sich eine tiefe jüdische und christliche Überzeugung: Nur wer sich nach Gott ausrichtet, wächst empor zu seiner echten Größe. Wer nur buckelt und auf Knien herumrutscht, wird nie zu der Größe finden, die ihm Gott geschenkt hat.  

Mose gleicht einem modernen Menschen mit Widersprüchen und Zweifeln, aber auch mit seiner Bereitschaft, aufzubrechen. Aufzubrechen trotz Angst und Gefahr. Der Mensch darf widersprechen, zweifeln, hinterfragen. So findet er zu seiner eigenen Größe. Ja, im Aufstand gegen Gott wird der Mensch groß und so er selbst. Denn die Größe des Menschen besteht darin, dass er eben kein Sklave ist, der einfach Befehle befolgt. Nein, will der Mensch Mensch sein, muss er rebellieren.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 11.05.2019 gesendet.





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