Morgenandacht, 10.05.2019

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ aus Hildesheim

Allein mit vielen

„Wären wir doch in Ägypten geblieben. Dieser falsche Prophet hat uns hierher geführt, mitten ins Verderben…“ Der Weg in die Freiheit führt das Volk Israel in eine Sackgasse. Israel steht am Ufer des Meeres, es herrschen Durst und Raserei. Mose muss um sein Leben fürchten. Denn das Heer der Ägypter rückt immer näher und Mose ist allein. Allein mit vielen. Doch er muss entscheiden. Allein - für andere.

So wie eine alleinerziehende Mutter, die sich überlegt, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken soll. Sie holt sich Rat, bedenkt die Kriterien, aber entscheiden muss sie am Ende selbst. Ohne zu wissen, wie ihre Entscheidung das Leben ihrer Kinder beeinflusst. Sie fällt also eine Entscheidung, die nicht nur sie selbst betrifft, sondern auch andere Leben wesentlich beeinflusst. Das ist Alleinsein mit vielen. Allein sein mit vielen, die einem ganz unterschiedliche Tipps geben.

So hat es womöglich auch Nelson Mandela erlebt. Als er vor 25 Jahren als erster schwarzer Präsident Südafrikas den Kampf gegen die Apartheid begann. Er war für Versöhnung und Vergebung. Nicht alle werden davon begeistert gewesen sein. Und so war Mandela vermutlich manchmal allein mit vielen Gedanken, Erwägungen, Zweifeln, Hoffnungen und Wünschen.

Im Beruf kann eine Entscheidung viele Menschen betreffen. Trotzdem muss jemand entscheiden. Oft ist das der Teamleiter, der Menschen um sich hat, die er mag, die sich verantwortlich fühlen für ihren Bereich, die mit ihm schon einen weiten Weg gegangen sind. Trotzdem muss er jetzt entscheiden. Wenn alle Argumente ausgetauscht worden sind, bleibt der Teamleiter allein. Mögen wirtschaftliche, strategische oder personelle Kriterien eine noch so klare Sprache sprechen – das entscheidende Wort spricht er.

Ich habe solche Entscheidungssituationen als Schulleiter und Ordensmann häufig erlebt. Heute erlebe ich sie als Bischof. „Heiner, du wirst manchmal sehr einsam sein in deinem Amt“. Das hat mir vor Jahren mein Vorgänger gesagt, als ich zum Oberen des Ordens der Herz-Jesu-Priester gewählt wurde. Ja, in der Tat: Die Einsamkeit, das Alleinsein, gehört zu meiner Aufgabe. Sie ist nicht der Preis, den ich bezahle. Sie gehört dazu. Ich habe in unserem Bistum Menschen um mich, auf die ich mich verlassen kann, auch in verzwickten Lagen. Trotzdem muss ich manche Entscheidung allein treffen, muss allein sein mit vielen. Nur so kann ich meinen Dienst tun.

Allein mit vielen, das zeigt die Geschichte Moses mir eindringlich, bedeutet die Einsamkeit des Entscheiders. Doch Mose ist nicht der einsame Wolf, der auf nichts und niemanden baut. Mose ist allein mit vielen, weil er mit seinem Volk reist, er ist unterwegs mit seiner Familie, seinen engsten Getreuen. Mose hat seinen Stab: Nicht nur den aus Holz, sondern auch den aus Fleisch und Blut, seine Vertrauten, auf die er sich stützen kann. Für mich ist Mose ein Teamplayer, kein Solist. Obwohl nur Mose als die große Gestalt in die Geschichte eingegangen ist. Von ihm kann ich nicht nur das Alleinsein in der Krise lernen, sondern auch das Zusammenspiel mit anderen. Ein Zusammenspiel, das in unserer Kirche in zu vielen Situationen immer noch für Verwunderung sorgt. Weil es bisher kaum geübt wurde, obwohl schon ein Vater des Glaubens wie Mose darauf gesetzt hat.

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 10.05.2019 gesendet.





Dieser Beitrag wurde am 10.05.2019 gesendet.





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