Morgenandacht, 09.05.2019

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ aus Hildesheim

Hörer des Wortes

Ein Leben als Single, das ist nichts für mich. Und so lebe ich auch als Bischof mit anderen zusammen. Wir tauschen uns aus, essen und beten gemeinsam. Doch es gibt Momente, da suche ich die Einsamkeit. Ich will ganz bei mir sein. Etwa vor einer wichtigen Begegnung: mit einem Menschen, der als Kind missbraucht wurde. Von einem Mann der Kirche. Vor so einer Begegnung brauche ich Stille.

Die Stille ist für mich ein Raum der Gottesbegegnung. Dort, wo keiner mehr da ist, dort ist Gott. Er ist nicht im Sturm, sondern im leichten Säuseln, in einem verschwebenden Schweigen wie beim Propheten Elija. Aber manchmal ist er nicht einmal dort, sondern tatsächlich in der Stille. In dieser Stille allerdings kann Gott ein Sturm sein, der alles das durcheinanderwirbelt, was gerade eben noch festgefügt war. Wie viele Jahrhunderte vorher. In der Stille bleibt keiner der Steine auf dem anderen, aus denen mein Leben fest zusammengesetzt scheint. Es bleibt keine Gewissheit und es geht an die Nieren.

Im ersten Testament wird von Mose erzählt, wie er in der Einsamkeit, in der Stille Gott am intensivsten erfährt. Wie er ihn hört. Der einsame Mose, das ist der hörende Mose. Der hört nicht zufällig einen Laut, er hört zu. Wer zuhört, wendet sich einem andern zu, schenkt ihm Gehör. Das heißt: Ich lasse mich auf den anderen ein, bin ganz da. Darum geht es in vielen Begegnungen: ganz da zu sein. Da zu sein für jemanden, selbst wenn das manchmal nur heißt präsent zu sein. Gott stellt sich dem Mose als derjenige vor, der präsent sein wird, der die Sorgen und Nöte seines Volkes ernst nimmt, nicht nur davon gehört hat. Gott ist nicht nur der, der spricht, sondern auch derjenige, der zuhört. Er macht Mose klar: Ich habe das Elend meines Volkes, das in Ägypten ist, wohl gesehen und sein Schreien über ihre Peiniger gehört. Ja, ich kenne seine Leiden. (Ex 3,7) Später betont Gott erneut: Ich habe das Schreien der Israeliten gehört. (Ex 6,5)

Und Mose? Er hat auf Gott gehört, ihm zugehört, sein Wort ernst genommen. Ihm gehorcht. Wer wie Mose Gott wirklich hört und ihn als Gott für voll nimmt, stellt sich in seinen Dienst. Das Hören ist ein fundamentaler Wesenszug des Menschen. Der Mensch wird erst zum Menschen, wenn er ein Hörender wird. Ein Hörer des Wortes, auch des Wortes Gottes.

Und so höre ich in die Stille hinein, höre auf das Wort Gottes, um dann in der Begegnung mit Menschen zuhören zu können. Das ist nicht immer angenehm, weil es mich in die Pflicht nimmt, in Abgründe zu sehen und zu handeln. Ich muss zuhören. Nur dann kann ich meiner Verantwortung gerecht werden. Da ist zuerst das Wort, danach die Stille, um mich zu vergewissern. Ja, ich bin ein Hörender. Und ich kann erst sprechen, wenn ich selbst gehört habe. Das wird manchmal schnell vergessen.     

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 09.05.2019 gesendet.





Dieser Beitrag wurde am 09.05.2019 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche