Morgenandacht, 06.05.2019

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ aus Hildesheim

Gottesbegegnung

Können Sie sich das vorstellen? Sie sind bei einem Arbeitskollegen zum Essen eingeladen. Zum ersten Mal. Bei der Suche nach einem Parkplatz sehen Sie: Einladend sieht die Gegend nicht gerade aus. Alle Fenster geschlossen, es wirkt abweisend.

Da muss es sein. Sie klingeln, gehen ins Treppenhaus. Zwei Etagen hoch, die Tür wird geöffnet. Und das Erste, was sie hören, ist: „Stehenbleiben! Zieh die Schuhe aus!“ Kein „Hallo“, schon gar kein „Schön, dich zu sehen.“ Einfach nur: „Stehenbleiben! Zieh die Schuhe aus!“ Würden Sie Ihre Schuhe ausziehen oder schnurstracks umdrehen?

Für Mose verläuft seine erste Begegnung mit Gott genau so. Er kämpft sich mit Schafen und Ziegen durch karges Land. Und dann ist das Erste, was er von diesem Gott hört: „Tritt nicht näher heran! Zieh die Schuhe von deinen Füßen!“ (Ex 3,5) Ich kann nur spekulieren, warum Mose nicht umdreht, obwohl er im Niemandsland so unfreundlich empfangen wird. Ist seine Neugier so stark, dass er sich alles gefallen lässt? Oder ist Mose so verblüfft von dieser rüden Ansprache, dass er gar nicht anders kann, als zu gehorchen? Jedenfalls bleibt er stehen und hört die nächsten Worte: „Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!“ (Ex 3,5) Spätestens jetzt wäre es mir zu bunt geworden. Aus und vorbei! Würde mein Arbeitskollege mir etwas von einem heiligen Boden erzählen, wäre da ein noch so wertvolles Parkett, ich würde umdrehen. Soll er doch allein glücklich werden mit seinem heiligen Boden.

Mose aber bleibt stehen, und er hört: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ (Ex 3,6) Aus Angst und Ehrfurcht verhüllt Mose sein Gesicht. In dieser zentralen Szene stellt Gott sich selbst vor als Gott der Väter. Damit erinnert er Mose, der in der Fremde lebt und dort eine Familie gegründet hat, an sein Volk, seine Wurzeln. „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.“ Damit sagt Gott: „Ich bin der Gott jeder Generation.“ Mose erfährt denselben Gott wie Abraham, doch er erfährt ihn anders. Die Begegnung Gottes mit einem Menschen ist immer individuell, geprägt durch den Kontext, die Kultur, auch durch die Kunst, vor allem aber durch den Menschen selbst. Gott ist so sehr der eine, dass er für jeden Menschen der andere ist und anders sein kann. Das aber bedeutet: Christen heute können sich nicht einfach zurücklehnen und sagen: Wunderbar, der Gott Abrahams ist auch unser Gott. Da übernehmen wir einfach die überlieferten Rezepte und Weisheiten. Dann passt alles. Nein, es passt eben nicht. Und das ist auch zu spüren. Worte gehen ins Leere, sind manchmal nicht mehr als leere Hüllen. Sie passen nicht, denn es gibt Ihren Gott, es gibt den Gott Ihrer Schwester, Ihres Bruders, den Gott Ihres Kindes. Es gibt meinen Gott. Es ist derselbe Eine, doch jeder von uns muss seinen individuellen Zugang finden und seine eigene Begegnung erleben. Die Wüstenlektion des Mose zeigt: Jeder von uns muss zu seinem eigenen Berg Horeb wandern, um Gott zu begegnen, sich entflammen zu lassen. Geschehen kann das in der Stille bei einer Wanderung, in einem überfüllten Café, am Tisch im stundenlangen Gespräch mit Freunden oder während eines wunderbaren Konzerts.

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 06.05.2019 gesendet.





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