Morgenandacht, 13.04.2019

von Vera Krause aus Köln

Es war noch zum Ende des vergangenen Jahres, als mir auf meiner Joggingstrecke am Köln-Mülheimer Hafen unter einer Bahnbrücke ein Plakat ins Auge gefallen ist. Dreimal hängt es da. Auf violettem Grund ist in zitronengelben Großbuchstaben „GOTT“ darauf zu lesen. Ein wenig kleiner darunter: „Die Homestory“.

Es ist das Kölner Monatsmagazin „Stadtrevue“, das sich in seiner ersten Ausgabe 2019 dieser Story widmet.[1] Genau genommen sind es viele Geschichten an sehr verschiedenen Orten, die zu dieser Homestory Gottes werden. Die Autoren haben in der Domstadt am Rhein rund hundert religiöse Gemeinschaften aus aller Welt ausfindig gemacht, die Gott in der einen oder ganz anderen Weise als ihre Mitte wissen. Hundert Mal eine je etwas andere Art, die Frage nach Gott zu beantworten und ihm im Hier und Heute einen Platz zu geben.

Ausführlich kommen ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer zu Wort. Auch eine freikirchliche Gemeindeleiterin. Dazu Besuche bei äthiopisch-orthodoxen Christen, im buddhistischen Zentrum, in einer liberal-jüdischen Gemeinde und einer Ahmadiyya-Moschee. Sie alle erlauben weitere Einblicke in den Himmel auf Erden. Gottes Homestory endet bei einem Weihnachtsmarktbesuch am Eigelstein mit einem Atheisten. Jedenfalls in der Reportage. – lch denke mir: Eigentlich fängt sie da doch gerade erst an. Da, am Eigelstein. Auf dem Platz. In den Straßen. Mitten im Leben. Denn:

„Gott kam durch die Hintertür in diese Welt“. So hat Martin Luther es einst formuliert. Von dort, wo selten bis nie hoher Besuch erwartet wird. So jedenfalls beginnt das Neue, das Zweite Testament der Bibel: an der Hintertür des Alten Israel, im Stall von Betlehem. Ganz unten. Da wo es zieht – fernab jedenfalls aller repräsentativen Räume. Die vier Evangelien werden im weiteren Verlauf dabei bleiben: bei der Gottes-Überraschung. Oft unerwartet. Wunderbar. Auf jeden Fall unverfügbar.

In Jesus Christus, dem Zimmermannssohn aus Nazaret, zieht Gott am unteren Rand der Menschenordnungen in die Welt ein. In ihm macht er sich frei von allen bis dahin gängigen Gottesbildern und -vorstellungen. Die Herzen der Menschen werden zu seinem Haus. Manchmal bemerken wir ihn gar nicht – oder erst im Nachhinein. Gott ist nicht festzuhalten und nicht einzumauern. So schön die Mauern und ihre Innenausstattung auch sein mögen. Das ist schon in den biblischen Erzählungen so. Vielleicht also wohnt Gott an den hundert Orten, von denen in der „Stadtrevue“ die Rede ist. Vielleicht auch nicht.

Die Theologin und moderne Mystikerin Dorothee Sölle bringt in einem Brief an ihre Kinder in für mich anrührender Weise (diese) zwei wichtigen Eigenschaften Gottes ins Wort: einerseits die Erfahrung der Unverfügbarkeit Gottes, andererseits die Auffindbarkeit Gottes in so vielem Guten und Schönen. In für mich anrührender Weise schreibt sie:

„Liebe Kinder […] Von allem, was ich Euch gern mitgegeben hätte […], ist dies am schwersten zu vermitteln. Meine Schätze kann ich Euch nicht einfach vermachen. Gott lieben von ganzem Herzen, mit aller Kraft, aus ganzem Gemüte – in einer Welt voller Traditionsbrüche –, das kann ich nicht wie ein Erbe weitergeben. […] Eins von Euch, ich glaube, es war Caroline, hat mal bei einem Besuch einer scheußlichen Kirche, in die wir Euch immer bei Reisen schleppten, trocken gesagt: »Ist kein Gott drin.« Genau das soll in Eurem Leben nicht so sein, es soll »Gott drin sein«, am Meer und in den Wolken, in der Kerze, in der Musik und, natürlich, in der Liebe. […] Eure alte Mutter.“[2]

(An diese Worte von Dorothee Sölle muss ich auch auf meiner Joggingstrecke denken.) Für mich ist auch noch unter der Bahnbrücke im Mülheimer Hafen »Gott drin«. Mir gefällt der Gedanke, dass es „irgendwie“ Absicht ist, dass die knallbunten Gottes-Plakate dort nicht schon längst wieder überklebt sind. Jedes Mal, wenn ich dran vorbeilaufe, stelle ich mir alle möglichen anderen Brücken vor, unter denen Gott wohnt – weil Menschen dort wohnen. Gottes Lieblingsorte. Oft unerwartet. Wunderbar.


[1] Vgl. Stadtrevue. Köln im Januar. Kultur, Politik, Stadtleben, 01/2019, 28-36.
[2] Dorothe Sölle: Was zählt – Brief an meine Kinder. In: Erinnert Euch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen, Freiburg 42003, 142-144.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 13.04.2019 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


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