Am Sonntagmorgen, 14.04.2019

von Andreas Brauns aus Schellerten

Maria Magdalena: Zeugin der Passion und Auferstehung

Sie ist die Zeugin: Maria Magdalena. Zum Christentum gehört untrennbar ihr Name. Was sich vor dem Tod Jesu ereignet hat und was danach - Maria Magdalena bezeugt es. Sie ist die Zeugin. Das wurde in einer von Männern dominierten Kirche nicht hingenommen. Sie wurde sozusagen von höchster Stelle – vom Papst - diskreditiert, obwohl sie in der frühen Christenheit herausragte: Galt sie doch als Apostelin der Apostel. Doch auf keinem Abendmahlsbild ist sie zu sehen. Da sitzen nur Männer mit Jesus am Tisch. 

Nach der Legenda aurea, der bekanntesten Sammlung von Heiligenlegenden im Spätmittelalter, wurde ein Schiff ohne Segel an die südfranzösische Küste getrieben. An Bord waren Flüchtlinge, mehrere Frauen und ein Mann, aus Galiläa vertrieben. Es waren Maria Magdalena, außerdem die Maria des Kleophas, Martha von Bethanien und ihr Bruder Lazarus. Noch heute erinnert das Fischerdorf Saintes-Maries-de-la-Mer bei Marseille mit seinem Namen an die Frauen.

Maria Magdalena, bekannt auch als Maria von Magdala, ist eine der umstrittensten und gleichzeitig bedeutendsten Figuren der Kirchengeschichte. Sie wird immer zuerst genannt, wenn in den Evangelien Frauennamen aufgezählt werden. Das lässt vermuten: Maria Magdalena ist die wichtigste der Frauen, die mit Jesus und den Jüngern umhergezogen sind. Vermutlich unverheiratet ist sie dem Mann gefolgt, der sie von Dämonen befreit hat. So überliefert es allerdings nur Lukas in seinem Evangelium, in dem Frauen bei der Nachfolge lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Nachfolge ist für Lukas Männersache. Umso bemerkenswerter erscheint es, dass er sie trotzdem – gegen seine eigene Tendenz – als Nachfolgerin Jesu erwähnt. Maria Magdalena wird bereits im frühen Christentum verehrt als „Apostola apostolorum“, als Apostelin der Apostel, sie steht sozusagen an erster Stelle. Und in apokryphen Texten der jungen Kirche – das sind Texte, die aus verschiedenen Gründen nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden -  gilt sie sogar als Lieblingsjüngerin Jesu. Sie empfängt von ihm besondere Offenbarungen und wird von Petrus, der wichtigsten Person der Männergruppe, angegriffen.

Seit dem vierten Jahrhundert wird Maria von Magdala mehr und mehr zurückgedrängt. Ihre Gestalt wird – im Grunde völlig willkürlich - gleichgesetzt mit namenlosen Frauen, die in den Evangelien genannt werden. Im 6. Jahrhundert setzt Papst Gregor I. kategorisch fest: Maria Magdalena, das ist die anonyme Sünderin, die Jesus mit wohlriechendem Öl die Füße gewaschen hat. Durch diese päpstliche Interpretation verliert Maria Magdalena endgültig ihre herausragende Stellung, sie wird zur Sünderin, ja, zur Prostituierten. Ein Stempel, den Maria Magdalena gut 1400 Jahre tragen wird. Zwar haben Bibelwissenschaftler bereits im letzten Jahrhundert immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr die Person der Maria Magdalena durch falsche Bezüge aus der Bibel entstellt wurde, doch die Traditionen haben sich lange gehalten. Bis heute stellen manche Kreise in der Kirche die Apostelin der Apostel in ein schlechtes Licht.

Erst vor drei Jahren hat Papst Franziskus sie auch offiziell den Aposteln gleichgestellt und ihren Gedenktag, den 22. Juli, aufgewertet zu einem Festtag. Diese Entscheidung kommt, so die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp, einem kirchlichen Erdbeben gleich. Das aber, so wundert sie sich, weitestgehend ausblieb. Die Rezeption dieses bedeutenden Schrittes fand de facto kaum statt. Schwer verständlich, denn, so die Theologin:

„Eine Frau hat den gleichen liturgischen Rang wie die Apostel. Das ist ein Erdbeben! Aber es ist auch zutiefst biblisch: Maria von Magdala ist die Erstzeugin, sie ist die Erstverkünderin. Sie gehörte zum engsten Jüngerkreis um Jesus.“ (Domradio, 22.7.2017) 

Und: Maria Magdalena gehört zu den Frauen, die mit Jesus umherziehen und auch nicht weglaufen, als er verurteilt wird und sein Kreuz durch Jerusalem trägt. In der Passionsgeschichte spielen der Jüngerkreis oder die Apostel Jesu keine Rolle. Als Jesus verhaftet wird, fliehen die zwölf. Allein von Petrus und einem anderen Jünger ist dann noch die Rede. Doch ausgerechnet Petrus, der erste unter den Aposteln, sagt sich los von Jesus, er leugnet, ihn zu kennen. Petrus hat Angst um sein Leben und flieht. Ganz anders die Frauen: Sie fliehen nicht. Die Evangelien nennen dabei ausdrücklich Maria Magdalena. Sie zählt zu den Menschen, die ausharren unter dem Kreuz, als Jesus mit dem Tod ringt. So heißt es im Markusevangelium, dem ältesten Evangelium überhaupt:

„Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Jose, sowie Salome. … Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm (Jesus) nach Jerusalem hinaufgezogen waren.“ (Mk 15,40) 

Ausharren im Leid ist offensichtlich Sache der Frauen. Die Apostel haben sich davongemacht. Nur im Evangelium des Johannes ist von einem Mann die Rede:

 „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!…“ (Joh 19,25f)

Es sind Frauen, Marien, die unter dem Kreuz ausharren, in einer von Männern dominierten grausamen Welt. An erster Stelle die Mutter Jesu, so der Evangelist Johannes. Doch im ältesten Evangelium, dem des Markus, fehlt sie. Da wird Maria Magdalena vor allen anderen Frauen erwähnt – als Augenzeugin des Leidens und Sterbens Jesu. Sie erlebt seine Einsamkeit am Kreuz, seinen Tod. Sie bleibt vor Ort und ist auch beim Begräbnis dabei. Weil Rüsttag ist, der Tag vor dem Sabbat, kann der Leichnam nicht mehr einbalsamiert werden, wie es Brauch ist. Und so heißt es bei Matthäus nur:

Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.“ (Mt 27,61; vgl. Mk 15,47)

Die Frauen verfolgen alles. Sie spüren: Unser Auftrag ist nicht beendet. Sie kennen das Grab, in das der Leichnam gelegt wurde. Ohne diese Kenntnis vorauszusetzen, gäbe es keine Erzählung vom leeren Grab. Die Geschichte wäre vorbei, wenn nicht die Frauen ausgeharrt hätten. Von den Aposteln wird bei der Grablegung nichts erzählt. Die Rede ist nur von Josef von Arimathäa, einem Mitglied des Hohen Rates.

Die Frauen kaufen am Tag nach dem Sabbat wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Sobald die Sonne aufgeht, machen sie sich auf. Sie wollen nachholen, was beim Begräbnis versäumt wurde. Während die Männer ängstlich abgetaucht sind und sich vermutlich völlig hilflos fühlen, handeln die Frauen ganz praktisch. Unterwegs allerdings kommen ihnen Zweifel: Wer soll uns den Stein vor dem Grab wegwälzen?

Die Erwartungen der drei Frauen, die in der Frühe zum Grab kommen, werden durchkreuzt. Nichts ist so, wie sie es sich vorgestellt haben.

„Und sie blickten auf und schauten: Umgewälzt lag der Stein da…. Und als sie in das Grab hineingingen, sahen sie zur Rechten einen Jüngling sitzen, in einem weißen Talar gewandet – da erschauderten sie. Er aber sagte zu ihnen: Erschaudert nicht! Jesus sucht ihr, …, den Gekreuzigten – auferweckt ward er. Er ist nicht hier. … Doch geht, sprecht zu seinen Jüngern und Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen,… Und hinaus gingen sie, flohen vom Grab. Noch zitterten sie und waren außer sich. Und mit niemand sprachen sie etwas – voll Furcht wie sie waren.“ (Mk 16,4b – 8 in der Übersetzung von Fridolin Stier).

So endet das Markusevangelium in seiner ursprünglichen Form. Die Frauen, die den Leichnam salben wollen, werden weggeschickt vom Grab, um den Freunden Jesu die Botschaft zu bringen. Doch sie schweigen – zunächst jedenfalls. Furcht, Zittern und Entsetzen beherrschen sie. Denn sie haben etwas gehört und gesehen, was nicht in diese Welt passt. Das Schweigen der Frauen verwundert nicht in einer Welt, in der Männer das Sagen haben. Frauen waren im Judentum zur Zeit Jesu nicht zeugnisfähig. Ihr Wort hatte keinerlei Gewicht. Doch ausgerechnet Frauen stehen am Anfang der Auferstehungstradition. Was die Männer von ihrem Wort halten, macht Lukas in seinem Evangelium mehr als deutlich: Für die Apostel ist die Nachricht der Frauen vom leeren Grab dummes Geschwätz, sie glauben den Frauen kein Wort. Aber Petrus steht immerhin auf und läuft zum Grab, um die Worte der Frauen zu überprüfen…

In dem Schlussteil des Markusevangeliums, den wir heute kennen, ist es Maria von Magdala, der sich der Auferstandene zuerst zeigt. (Mk 16,9) Sie, die nicht zuletzt darum Apostelin der Apostel genannt wurde, berichtet es den anderen, die trauern und weinen, aber niemand hört auf sie. Sie glauben erst, so erzählt es Markus, als der Auferstandene selbst allen Jüngern erscheint, als sie zusammen essen.  

Die herausragende Stellung der Maria Magdalena wird im Evangelium des Johannes bestätigt. Hier heißt es: Maria von Magdala geht frühmorgens zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist. Ohne hineinzuschauen dreht sie um und läuft zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den ihr Herr liebte. Und sie sagt ihnen: „Den Herrn haben sie aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ (Joh 20,2) Die beiden Männer machen sich auf, laufen zum Grab, und werden so zu Zeugen. Zwar betritt Petrus zuerst die Grabkammer, sieht die Leinentücher und das Schweißtuch, doch er kommt nicht zum Glauben. Zum ersten Osterzeugen wird in dieser Szene der andere Jünger, denn er sieht und glaubt. Trotzdem bleiben die Männer nicht am Grab, sie gehen zurück nach Hause.

Ganz anders Maria von Magdala. Sie bleibt. Glaubt man dem Johannesevangelium, dann ist sie - genau wie im Evangelium des Markus und des Matthäus - die erste Osterzeugin, denn ihr begegnet der Auferstandene.

Patrick Roth hat in seinem Buch „Magdalena am Grab“ diese Szene literarisch  verarbeitet und frei interpretiert. Wie im Evangelium geht Maria ins Grab, sieht dort zwei Engel sitzen, die sie ansprechen: „Frau, was weinst du?“ Sie sucht Jesus. Weil sie ihn in der Grabkammer nicht findet, dreht sie sich um und sieht vom Eingang her im Gegenlicht eine Silhouette. Der Fremde sagt zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie hält den Mann für den Gärtner und sagt zu ihm: „Wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Und vermutlich eilt sie dann an dem Mann vorbei auf der Suche nach dem Leichnam.

So zumindest liest und verarbeitet Patrick Roth diese biblische Szene. In seinem Buch „Magdalena am Grab“ geht er davon aus, dass das Vorbeigehen im Evangelium verschwiegen wird. Der Auferstandene und Maria Magdalena müssen abgewandt voneinander gestanden haben, weil Maria Magdalena den Leichnam gesucht hat. Sie hat nur Augen dafür. „Gott und Mensch“, so schreibt Roth, „sehen einander nicht mehr…. Aber jetzt: Jetzt wendet sich etwas. Denn das Vorbeilaufen der Magdalena lässt Jesus sich wenden. Er dreht sich um nach ihr. Er muss sich gewandt haben, als er ihren Namen aussprach:“ Maria! (Magdalena am Grab, 47f)

Jetzt setzt das Evangelium wieder ein, denn Maria wendet sich. Sie erkennt ihren Meister und spricht ihn an: „Rabbuni!“. In dieser Sekunde, der Magdalenensekunde, wird sie erkannt und erkennt selbst. Die Magdalenensekunde ist für Patrick Roth der Moment, in dem Mensch und Gott sich einander bewusst  zuwenden. Maria von Magdala wird gesehen und sieht. Gott sieht sie und lässt sich von ihr sehen. Von einer Frau, die mit einem liebenden Herzen sucht.

Doch in der Bibel heißt es immer wieder „Niemand hat Gott gesehen“. Das weiß auch Johannes, wenn er zu Beginn seines Evangeliums betont: „Keiner hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18). Im Buch Exodus des Alten Testaments heißt es in einem Wort Gottes: "Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben." (Ex 33,20) Gott kann nicht geschaut werden.

Was heißt das für die Szene im Johannesevangelium? Wen sieht Maria Magdalena eigentlich? Erkennt sie im Garten den Gekreuzigten? Der Theologe und Philosoph Eckhard Nordhofen schreibt: Maria Magdalena „erkennt ihn wieder, aber in der Magdalenensekunde erkennt sie auch, wer er wirklich ist, Rabbuni, der auferstandene Herr der Welten, der Sohn Gottes, Gott selbst.“ (http://www.text-und-zeit.de/lit/proth002.html) Blitzartig erkennt Maria Magdalena: Jesus ist Gott! Und darum wendet sie sich ab. Sie muss es tun, denn: „Keiner hat Gott je gesehen.“ Daran ändert auch der Ostermorgen nichts.

Die Magdalenensekunde, wie sie auch immer interpretiert wird, entscheidend ist: Sie bezeichnet die Begegnung von Gott und Mensch. Und diese Sekunde ist benannt nach einer Frau, nach der Apostelin der Apostel: Maria Magdalena, die in der Ostkirche bis auf den heutigen Tag verehrt wird als Apostelgleiche.

In der römischen Kirche galt Maria Magdalena, die wohl wichtigste Frau im Kreis der Frauen und Männer um Jesus und die Zeugin der Osterereignisse, dagegen über Jahrhunderte hinweg als reuige und büßende Sünderin. Auch wenn Papst Franziskus sie jetzt rehabilitiert hat, es wird noch Zeit brauchen, bis in der immer noch von Männern dominierten Kirche ankommt: Maria Magdalena ist die Zeugin.

Die redaktionelle Verantwortung hat Dr. Silvia Becker


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 14.04.2019 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche